„Schickel ist Dein Vater nicht, ungeachtet er in jener Zeit mit mir im Geheimen eine vertraute Bekanntschaft hatte, und wir uns gerade nicht Zwang anthaten. Aber jetzt soll er Dein leiblicher Vater werden, wenigstens im Wahne. Du besorgst, daß Schickel morgen Nachmittags hierher gehe. An einem klugen Vorwande, ihn zu diesem Gange zu bewegen, ohne daß er meine Nähe ahnet, wird es Dir nicht mangeln. Im Erlengebüsche am Mühlteiche lauere ich auf ihn, komme dann hervor und erkläre ihm mit aller Festigkeit, daß er Dein Vater und dadurch verbunden ist, sich mit mir abzufinden, außerdem ich geradezu die ganze Geschichte seinem Weibe entdecke und gegen ihn bei Gericht Klage führe. Ich kenne die Eifersucht seines Weibes und dessen Bosheit, Zanksucht und Unversöhnlichkeit. Es leben zwar beide, wie ich von der Base hörte, jetzt recht friedlich, aber der häusliche Friede wird schnell zu Krieg und Feuer, wenn so eine Kindsgeschichte wie eine zündende Kugel ins Haus fällt. Schickel ist älter geworden, an eheliche Friedfertigkeit gewohnt, und giebt lieber das Letzte im Geheimen hin, um Ruhe im Hause und keine höhnische Nachrede von der Nachbarschaft zu haben.“
„Nun habe ich Dir vertrauet, wie ich für mich sorgen will. Dein Geschäft sei, mir den Alten in die Erlengebüsche zu schaffen. Jetzt wollen wir trinken und gegenseitig unsere Schicksale erzählen!“ —
So verderbt und liederlich Samuel war, so erröthete er doch oft bei den Erzählungen seiner Mutter, die, vom Branntwein erhitzt und von aller Schamhaftigkeit verlassen, dem eigenen Sohne ihre unzüchtigen Verirrungen, Betrügereien, Gaunerstreiche und Diebstähle mit der frechsten Offenherzigkeit unter ausgelassenem Gelächter erzählte.
Der Betrügerin gelang es wirklich, den alten Schickel durch die ihm angelogene Vaterschaft, durch die Drohung der Entdeckung und der Klage bei Gericht so einzuschüchtern, daß er ihr zum Unterhalte jährlich 60 Thaler zusicherte, wofür sie das tiefste Stillschweigen geloben mußte.
Zwei Meilen von Schönfeld hatte Samuels Mutter in einem abgelegenen Häuschen, das einer kinderlosen Wittwe gehörte, Wohnung genommen. Die Wittwe, alt und gebrechlich, überließ ihr die Benutzung des kleinen, aus einem Gemüse- und Obstgarten, aus einem Krautfelde und zwei Aeckern bestehenden Grundstücks, wobei sich ein Paar Kühe und einige Schafe befanden, gegen die Verbindlichkeit, sie zu ernähren und bei eintretender Krankheit zu pflegen. Katharina hatte nun ihr gutes Auskommen, und das sonst so stille Häuschen wurde bald der Tummelplatz der Ausgelassenheit und der Schwelgereien, da Samuel in jeder Woche dort ein Paar Nächte zubrachte, stets begleitet von einigen liederlichen Dirnen und Cameraden, wo nun von dem Gelde, daß er durch Betrug gewann oder seinen Pflegeeltern abstahl, auf zügellose Weise geschwelgt wurde.
Jetzt starb Samuels Pflegemutter und der alte Schickel übergab Samuel seine ganze Wirthschaft, mit Vorbehalt einiger Grundstücke, die er verpachtete, und den Pachtschilling zu seinem Lebensunterhalte verwendete. Katharina, Samuels Mutter, wußte Schickel so zu kirren, daß sie ihn bewog, ihr die Geschäfte seiner Wirthschafterin zu übertragen. Sie zog in sein Haus, und bald wetteiferten Mutter und Sohn, sich in dem zügellosesten Treiben, in Völlerei und Arbeitsscheu zu überbieten. Der alte Schickel, dem es gar zu bunt wurde, und der, sonst ein ziemlich heilloser Patron, sich seit einigen Jahren an Ordnung und Wirklichkeit gewöhnt hatte, verwies anfangs zur Arbeitsamkeit und zu einem genügsamen, ehrbaren Leben. Seine Ermahnungen, seine Bitten wurden verhöhnt, die Wiederholungen mit den rohesten Beschimpfungen, sogar von Samuel, in Folge einer Aufreizung von seiner Mutter, mit grausamen Schlägen erwiedert, und Schickel, zuerst aus Aerger, dann immer eifriger aus überwiegender Neigung, nahm seine Zuflucht zur Branntweinflasche und trank sich nach einem Jahre in das Grab.
Samuel brauchte eine Hausfrau, aber auch das ärmste Mädchen versagte dem allgemein Verrufenen ihre Hand. Knechte und Mägde, in deren Innerem nur noch ein Funke von Zucht, Arbeitsliebe, Ehrbarkeit und Gottesfurcht glomm, gingen aus dem Dienste, und bald bestand Samuels Gesinde aus dem Auswurfe der dienenden Classe.
Es konnte nicht anders geschehen, als daß bei solcher Bewirthschaftung des Hauswesens und der Felder, bei solch einem schwelgerischen Leben die Schulden sich so häuften, daß von den Gerichten eingeschritten und das ganze Grundstück mit Einrichtung, Vieh und Fahrniß verkauft wurde.
Am Abende vor der Uebergabe des Grundstücks an den neuen Besitzer saß Samuel mit seiner Mutter, nun die einzigen Bewohner des beinahe leeren Hauses, bei der Branntweinflasche und zechten bis tief in die Nacht hinein, während sie immer in die heftigsten Verwünschungen sich ergossen, aber nicht über ihr höchst liederliches Leben, über ihre gar zu liederliche Wirthschaft, ihre unsinnige Verschwendung, sondern über das Gericht, von dem das Grundstück verkauft worden, und über die Leute, die es erkauft hatten.
„Was Teufel,“ — lallte die trunkene Furie und stieß das geleerte Glas mit Heftigkeit auf den Tisch, — „wir, die rechtmäßigen Besitzer, sollen dieses bequeme Haus mit seinen schönen Stuben, Kammern und Stallungen räumen und so einem fremden Gesindel Platz machen? — Komm, Samuel, wir packen das Bischen, das uns die verdammte Justiz noch übrig gelassen hat, in ein paar Säcke und ziehen jetzt ab. Damit wir aber bei unserer nächtlichen Wanderung in dieser Dunkelheit nicht über Stock und Steine fallen, so werde ich ein Lichtchen anzünden, an dem man sich noch einige Tage hindurch wärmen kann. Ist hier unseres Bleibens nicht mehr, so soll es auch für Andere nicht wohnlich sein. Auf, Samuel!“ —