Im sächsischen Dorfe Schönfeld, zur Gerichtsbarkeit des Amtes Frauenstein gehörig, lebte ein Fuhrmann, Christoph Schickel, der zwar nicht unter die reichen, wohl aber unter die vermögenden Leute gehörte, den größten Theil des Jahres mit seinen vier Rappen über Land war und sich nie lange zu Hause aufhielt, da sein Weib eben nicht den sanftesten Charakter, dabei eine wahre Leidenschaft zum Widerspruche hatte, vorzüglich aber, sobald ihr Mann in’s Haus trat, ein unerschöpfliches Klagelied über ihre Kinderlosigkeit anstimmte, oft mit beißenden Bemerkungen über des Mannes eheliche Kälte ausgestattet, wo es dann auch nicht an sehr trivialen Anspielungen auf Ausschweifungen während des Umherziehens im Lande und des Aufenthaltes bei hübschen Wirthsfrauen und Mägden gebrach. Christoph Schickel, mit einer wahren Fuhrmannsnatur begabt, dabei durch den steten Umgang mit der rohesten Volksklasse eben nicht sehr verfeinert, begrüßte meistentheils bei seiner Heimkunft die klagende, widersprechende, giftig anspielende Ehefrau mit der Peitsche und wiederholte öfters im Laufe seines Aufenthaltes zu Hause dieses Fest des zärtlichen Wiedersehens.
In der ganzen Umgegend von Schönfeld war die Sehnsucht der Frau Schickel nach einem süßen Pfand ihrer ehelichen Liebe recht wohl bekannt, und als sie sich nun auch gegen die Schönfelder Klatschschwestern äußerte, selbst ein fremdes Kind annehmen und mit der herzlichsten Mutterliebe erziehen zu wollen, so kam eine Dirne aus Schönfeld ihren Wünschen zuvor, indem diese wegen ihrer Schwangerschaft aus dem Hause der Eltern verstoßen und von dem armen aber herzensguten Dorfhirten aufgenommen, ihr neugebornes Kind in Lumpen hüllte, der Frau Schickel nächtlicher Weile vor die Thüre legte und sich auf und davon machte, nachdem sie dem Hirten vertraut hatte, welches Geschenk sie der kindersüchtigen Kärnerin hinterlassen habe.
Frau Schickel war anfangs sowohl gegen das Kind, als auch dessen unberufene Geberin sehr erbost, jedoch bald, trotz ihres sonst langwährenden Zürnens, durch den Anblick des wohlgestalteten, kräftigen Kindes besänftigt, und als nun auch ihr Ehemann bei seiner Heimkehr von einer Magdeburger Fahrt das gar hübsche Büblein mit freundlichem Auge betrachtete, auf seine Arme nahm und herzte und kußte, und als nun Frau Schickel über die Erfüllung ihres liebsten Wunsches allmählich die üble Gewohnheit des Wiederbellens und der beißenden Bemerkungen ablegte, so begann von Tag zu Tag der Friede und die Eintracht in diesem Hause einheimischer zu werden, und beide Eheleute liebten den Findling um so mehr, da er ihnen gleichsam zum Spender häuslicher Ruhe, Zufriedenheit und Friedfertigkeit geworden war. Gleich nach der Taufe, wobei ihm der Name Samuel gegeben wurde, gingen die Schickel’schen Eheleute zum Amte und ließen über ihre Erklärung, den Findling an Kindes Statt anzunehmen und einst alle ihre Habe auf ihn zu vererben, eine gerichtliche Urkunde aufnehmen.
Alles, was in einer Dorfschule an Unterricht ertheilt werden kann, lernte Schickels Pflegesohn mit großem Eifer und entwickelte recht viele Fähigkeiten. Der Schule entwachsen, wurde er in der Landwirthschaft unterrichtet, begleitete aber schon von seinem vierzehnten Jahre an den Nährvater auf seinen Fahrten und leistete, an körperlicher Kraft und Größe beinahe ein Jüngling, dabei wachsam, klug und geschäftslustig, recht gute Dienste.
Das Umherziehen auf dem Lande, der fast ununterbrochene Aufenthalt in Wirthshäusern, wie auch die so viel gesehenen Beispiele der Sittenlosigkeit, des Betruges, der Rohheit, des Karten- und Würfelspiels, der Völlerei und Unzucht, untergruben immer mehr Samuels Moralität, die ohnehin nicht auf Felsen gebaut war. Noch nicht volle siebzehn Jahre alt, hatte der schöne, kräftige Bursche schon die Schule der Unkeuschheit und der damit verschwisterten Laster durchgemacht, überbot die tüchtigsten Trinker, betrog im Spiele mit Karten und Würfeln, im Handel und Wandel, bestahl seine Pflegeältern und begann sich zu einem um so gefährlichern Bösewicht auszubilden, da er die Verstellungskunst im höchsten Grade besaß und zu heucheln und gleißen auf das Meisterhafteste verstand.
Eines Tages saß Samuel in einer Schenke bei Dresden, wohin der Pflegevater ihn mit einer Ladung von Pferdehäuten gesandt hatte, und ließ sich vorsetzen, was gut und theuer war. Während er es sich recht wohl schmecken ließ und dabei einige Burschen seines Gelichters mit Bier und Branntwein bewirthete, trat eine armselig gekleidete Weibsperson an seinen Tisch und bat um ein Almosen. Samuel zog eine Hand voll Geld aus der Tasche und warf der Bettlerin mit prahlerischer Gebehrde einen Thaler hin. Sie dankte, betrachtete Samuel mit einem langen, höchst freundlichen Blicke und setzte sich dann an einen gegenüber stehenden Tisch, wo sie bei ihrem Kruge Bier Samuel nicht aus dem Auge ließ. Bald darauf ging dieser in den Stall, um nach den Pferden zu sehen, und unbegrenzt war sein Erstaunen, als die Bettlerin in den Stall trat, die Thüre verschloß und mit den Worten: „Grüß Dich Gott, lieber Sohn!“ — auf ihn zueilte. Aber bald war er überzeugt, seine Mutter vor sich zu sehen, da ihm diese alle Umstände genau angab, von ihrer Kindheit und ihrem Leben in Schönfeld an bis zum Augenblicke, wo sie ihn, einige Stunden nach seiner Geburt, an der Thürschwelle des Fuhrmanns Schickel ausgesetzt hatte.
War Samuel auch ein roher, lasterhafter Mensch, so erwuchs in ihm doch gegen seine Mutter ein wirklich zärtliches Gefühl. Er schämte sich nicht ihrer Lumpen und ihrer durch Armuth und Kummer zerrütteten Gestalt. Mit Herzlichkeit reichte er ihr die Hand und drang in sie, sich an seinen Tisch zu setzen, damit er sie auf das Beste bewirthen, dann für bessere Kleidung sorgen und über ihre Unterkunft und künftige Ernährung mit ihr Rath halten könne. Das lehnte seine Mutter ab, die sich schämte, neben ihrem wohlgekleideten Sohne und seinen Zechgenossen in ihrem zerlumpten Anzuge Platz zu nehmen. Sie bat ihn um etwas Geld, um im nächsten Dorfe bei Schönfeld sich einige Tage bei einer Base aufhalten zu können, wo er sie heimlich besuchen und dann erfahren solle, was sie zur Begründung ihres künftigen Unterhalts bereits ausgedacht habe. Von dem Sohne reichlich beschenkt, eilte sie fort, kehrte aber schnell wieder zurück und bat ihn auf das Dringendste, gegen Jedermann ihr Dasein auf das Sorgfältigste zu verschweigen.
Als Samuel zu Hause angekommen, und Rechnung über Fracht und Ausgabe abgelegt war, ging er, unter dem Vorwande großer Müdigkeit, gleich nach Einbruch des Abends in seine Schlafkammer, stieg leise aus dem Fenster und lief dem Aufenthalte seiner Mutter zu.
„Lieber Samuel,“ — sprach diese zum Eintretenden, und reichte ihm ein volles Glas Branntwein — „ich habe ein Plänchen gemacht, durch dessen glückliche Ausführung mein Lebensunterhalt geborgen sein wird. Läuft auch etwas Schelmerei dabei mit, so bin ich nicht so einfältig, Gewissensbisse darüber zu befürchten; der alte Schickel hat Geld, ich aber keines, und noch dazu die trostreiche Aussicht, verhungern zu müssen, da ich zu schwerer Arbeit weder Kräfte noch Lust habe. Höre nun, was ich erdachte.“