J. G. Seidl.
Schon in seinem zehnten Lebensjahre elternlos, wurde Eckold von einem Verwandten, dem Böttiger Lohr, an Kindesstatt angenommen, sehr christlich erzogen, in der Profession des Pflegevaters unterrichtet und zum künftigen Erben bestimmt. Eckold gab die besten Hoffnungen, lernte fleißig und führte ein unbescholtenes Leben. Als Lohr durch einen furchtbaren Brand sein Haus verlor, und, von einem stürzenden Balken tödlich verwundet, bald nach dem Brande starb, verkaufte Eckold, der noch in den letzten Lebensstunden seines Pflegevaters von ihm zum alleinigen Erben durch eine gerichtliche Handlung ernannt wurde, die Brandstätte, behielt sich die auf ihn übergetragene Gewerbs-Ausübung vor, versteuerte sie gleich auf mehrere Jahre und trat die Wanderschaft an.
Von dieser zurückgekehrt, begann er gleich sein Gewerbe auszuüben und gewann durch Fleiß und Redlichkeit schon in wenigen Jahren so viel, daß er, ohne Geld aufborgen zu müssen, ein recht geräumiges Haus kaufen konnte. —
Eine alte Base von ihm, die ein kleines Vermögen besaß, hatte bisher seine Wirthschaft geführt. Nun aber fühlte Eckold von Tage zu Tage immer mehr die Wahrheit des Spruches, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist.
Ohne seinen Entschluß, sich zu verehelichen, laut werden zu lassen, spähete er mit forschenden Blicken unter den Schönen seines Geburtsortes umher.
Ueberall fiel sein Auge auf freundlich ihm zulächelnde Gesichter; er hätte nur wählen dürfen, und selbst der stolzeste und angesehenste Familienvater im ganzen Flecken würde dem schönen Böttiger — so nannte man ihn seiner ausgezeichneten männlichen Schönheit wegen — nicht die Hand der Tochter verweigert haben, da Eckold bei seinem ausgebreiteten Gewerbe, seiner rastlosen Thätigkeit und seinem untadelhaften Wandel, im schönen Vereine mit einem sehr liebenswürdigen Benehmen, aller Herzen gewonnen hatte.
Schon schwankte er zwischen zwei schönen und reichen Mädchen, als ein Augenblick eintrat, der sein Herz mit aller Macht der Liebe erfüllte und ihn jene Beiden vergessen ließ.
Es war an einem recht angenehmen Abend, als der junge Drechslermeister Blank, Eckolds einziger Freund, ihn abholte, um im Wirthshause eines nahe liegenden Dörfchens sich bei einem Glase Bier und unter traulichem Geplauder von der harten Tagesarbeit zu erholen. In die Nähe des Dörfchens gekommen, hörten sie jammernde Stimmen und sahen viele Leute vom Felde hinweg der Landstraße zueilen. Auch sie eilten dahin und fanden eine umgestürzte Kutsche, aus der man soeben eine jämmerlich schreiende Frau hervorzog, mit welcher sich besonders ein schlankes, hochgestaltetes Mädchen sehr eifrig beschäftigte. Die Frau hatte durch den gewaltsamen Sturz des Wagens den Arm gebrochen, auch mochte sie sich sonst sehr schwer verletzt haben, denn sie erbleichte plötzlich und schien eine Leiche zu sein. Trostlos, die Hände ringend, lag das Mädchen auf ihren Knieen und beträufelte die Ohnmächtige mit den Thränen ihres heißen Schmerzes. Gaffend standen die Landleute umher und murmelten unter einander.
„Bringt doch schnell eine Trage herbei mit einem Bette!“ sagte Eckold zu einem der Umstehenden und drückte ihm Geld in die Hand. Auf der Stelle lief dieser mit einigen in’s Dorf und kehrte bald mit einer hochbepolsterten Trage zurück. Unterdessen hatte Eckold aus dem nahen Bache seinen Hut mit Wasser gefüllt und das Gesicht der Bewußtlosen damit sanft gewaschen, wobei ihm das Mädchen mit zärtlichem Eifer Hilfe leistete. Behutsam wurde die nun wieder hochathmende und aufblickende Frau von Eckold und seinem Freunde auf die Trage gehoben und in das Wirthshaus geschafft, wohin auch die von den Landleuten emporgerichtete Kutsche folgte. Auf Eckolds Zureden bespannte der Wirth seinen Korbwagen und fuhr im raschen Trabe nach dem Flecken, um den dortigen Wundarzt zu holen.
Jetzt, als die Kranke in dem reinlichen, freundlichen Oberstübchen des Gasthauses auf ein weiches Bett gebracht war und gleich zu schlummern anfing, jetzt erst betrachtete Eckold das Mädchen. Er konnte sich nicht erklären, wie er bisher dieses reizende Wesen übersah. Solch ein jugendlich blühendes Gesicht mit dem süßesten Liebreize, solche herrliche Formen hatte er noch nie gesehen. Der Funke eines ihm bisher unbekannten Gefühles tauchte in seinem bewegten Innern auf, und dieser Funke wurde immer mehr zur süß belebenden Flamme. Er mußte sich Gewalt anthun, das Stübchen zu verlassen, als jetzt das Mädchen ihm mit wenigen aber innigen Worten für den geleisteten Liebesdienst dankte und durch eine Verneigung und ein schweigendes Hinblicken auf die Schlummernde die Bitte, allein gelassen zu werden, zart andeutete.