In der Bohnenlaube des lieblichen Blumengartens, seinem Lieblingsplatze, saß Eckold seinem Freunde Blank gegenüber in tiefem Sinnen, nur des Mädchens holde Gestalt vor seinen trunkenen Blicken, noch immer lauschend nach den verklungenen Tönen der Silberstimme. Die Wirthin kam mit Erfrischungen und Eckold erwachte aus seinen Träumen, denn die redselige Frau war gleich nach den ersten Begrüßungen bei der Fremden und ihrer Tochter. Mit geläufiger Zunge erzählte sie, daß die Fremde, wie soeben der Kutscher ihr vertrauet habe, die Wittwe eines vor Kurzem an der böhmischen Grenze verstorbenen Försters sei, sich nun nach Preußen, ihrem Vaterlande, begebe, und während der Reise recht schmerzlich über ihre Lage geklagt habe, da sie durch die lange Krankheit ihres Gatten um all ihr Erspartes gekommen und bei so geringer Pension dem bittersten Elende ausgesetzt sei, wenn es ihr nicht gelänge, einen reichen Anverwandten, den ihr Gatte durch seine Heftigkeit auf das Tiefste gekränkt hatte, wieder zu versöhnen und von ihm unterstützt zu werden.
Bis tief in die Nacht hinein, was bei Eckolds geregelter Lebensweise fast nie geschah, blieb er in der Laube, voll Verlangen, das reizende Mädchen nochmals zu sehen und zu sprechen. Unerfüllten Verlangens und in recht wehmüthiger Stimmung kehrte er mit Blank wieder zurück, denn die Wirthin hatte ihm mit großer Betrübniß gesagt, daß die arme Frau in sehr gefährlichem Zustande sich befinde, da nach des Wundarztes Versicherung nicht nur der Arm gebrochen, sondern auch ein innerer, sehr edler Theil verletzt sei. —
Noch vor Anbruch des Tages hatte die Försterin in einem Blutsturze ihr Leben ausgeströmt.
Wilhelmine Bornfeld — so hieß die Försterstochter — war nach drei Monaten die Ehefrau des Böttigermeisters Eckold, der in dem ersten halben Jahre seiner Ehe einen Engel zu umfassen glaubte, aber dann von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, ja von Tag zu Tag immer mehr zur qualvollen Ueberzeugung kam, in diesem geträumten Engel einen sehr gefallenen an seiner Seite zu sehen. Nachlässigkeit im Hauswesen, Abscheu vor Arbeit, Putzsucht, Eitelkeit, unbezähmbarer Widerspruch, wochenlanges Maulen und unersättliche Sinnlichkeit waren die beglückenden Eigenschaften, welche allmälig wie die üppigen Blumenblätter einer giftigen Pflanze vor den Blicken des schrecklich Getäuschten sich entfalteten.
Nach drei Jahren einer Ehe, die auf Eckolds Moralität den allerverderblichsten Einfluß hatte, da er, überzeugt von der Unmöglichkeit der Besserung seiner Frau, die Lust zur Arbeit, die Liebe zur Ordnung, zu einem nüchternen, pflichtgetreuen Leben immer mehr verlor, den nagenden Gram meistens in hitzigen Getränken ersäufte, in der Trunkenheit mit liederlichen Dirnen ganze Nächte verschwelgte, oder in Spielhäusern geplündert wurde, hatte Eckold durch seine zerrüttete Hauswirthschaft solch eine Masse von Schulden aufgehäuft, daß er sein schönes Haus verkaufen mußte, nach Bezahlung seiner Schulden nicht mehr als 460 Gulden übrig hatte und voraussehen konnte, bald den Bettelstab ergreifen zu müssen, da er alle seine Kunden verloren, auch aus schon zu liebgewonnener Liederlichkeit gar nicht mehr Lust und Kraft hatte, sich durch erneuerte Arbeitsliebe und Moralität die Achtung, das Wohlwollen seiner Mitbürger wieder zu erwerben und den Aufschwung seines Gewerbes dadurch herbeizuführen.
Mit tiefem Abscheu hatte Eckold, als seine Frau ihre mit seiner Gewandtheit so vielfach umschleierten Neigungen und Laster zu enthüllen begann, sich anfangs von ihr abgewandt. Verachtung und Haß waren die Gefühle, von denen er gegen die liederliche Gattin beherrscht wurde. Jetzt, selbst abgewichen von der Bahn des Guten, aus einem arbeitsamen, redlichen, tugendhaften, religiösen Manne ein Faulenzer, Säufer, Wollüstling, Schwelger und Betrüger geworden, kehrte er mit erneuerter Leidenschaft, mit aller heißen Lust wilder Begierde zur Gleichgesinnten zurück. Der Giftbaum, auf Wilhelminens fruchtbarem Boden üppig emporgewachsen, hatte seine wurzelnden Zweige in des Gatten empfängliche Seele gesenkt, aus welcher immer kräftiger die verschwisterte Giftpflanze emporstieg, um gleiche Früchte zur Reife zu bringen. Durch Wilhelminens Unterricht und Anreizungen war Eckold so tief gesunken, daß er sogar anfing, zum Diebe zu werden. Ein silberner Löffel, von ihm in einem Weinhause gestohlen, wo er nach langer Zeit wieder einmal, des Scheines und des öffentlichen Geredes über sein Müssiggehen wegen, eine Arbeit vornahm, war das Probestück des angehenden Gauners, und auf einem Jahrmarkte in einem nicht fernen Städtchen hatte er durch Entwendung mehrerer Sachen von Werth sich schon als einen sehr gewandten Schockgänger[9] beurkundet. Sonst im Spiele betrogen, wurde nun er der Betrüger. Ein höchst fertiger Falschspieler, in frühern Zeiten von Eckold mit der tiefsten Verachtung vermieden, jetzt sein trauter Herzensfreund, gab ihm sehr eifrigen Unterricht, wie man Karten und Würfel mit Vortheil zu behandeln habe; der gelehrige Schüler betrog bald den wohlerfahrenen Lehrer.
Die kleinern und auch schon größern Diebstähle, mit der größten Schlauheit und an fern gelegenen Orten ausgeführt, auch der Gewinn im falschen Spiele mit Karten und Würfeln hätten zu Eckolds und seiner Frau Ernährung, wie auch zur Bestreitung sonstiger Ausgaben zur Genüge hingereicht, wären nicht Ausschweifungen und Völlerei die Götzen gewesen, denen sie mit Leidenschaft huldigten. So kam es, daß auch die 460 Gulden, jener armselige Rest einer bedeutenden Habe, schon nach einigen Monaten beinahe bis auf den letzten Thaler vergeudet waren.
Gerade in dieser Zeit des höchsten Mangels der Eckold’schen Eheleute fiel die Ankunft eines Weinhändlers, der in dem Gasthause zur Sonne, das Eckolds Wohnung gegenüber lag, ein Zimmer bezog. Wilhelmine war wirklich noch so reizend, daß sie selbst in der kältesten Menschenbrust eine Neigung zu entflammen vermochte, besonders da sie mit ihrer seltenen Schönheit einen höchst gebildeten Anstand und bezaubernde Liebenswürdigkeit — wenn sie liebenswürdig sein wollte — sehr glücklich vereinte. Der Weinhändler, ein Graukopf, aber ein höchst sinnlicher Mensch, hatte Wilhelmine kaum am Fenster gesehen, als er gleich alles aufbot, die nähere Bekanntschaft dieser so schönen Frau zu machen. Das ganze Versetzstück, wo dort die Sinnlichkeit, hier die Geldgierde in den mannigfaltigsten Verwebungen nach ihrem Ziele strebten, leitete Eckold, der auf die unbefangenste Weise, und als wäre er ganz blind bei des Weinhändlers auffallenden Bewerbungen um die Gunst seiner Frau, die Freundschaft des Sinnetrunkenen bald gewonnen hatte. Der Weinhändler besaß viel baares Geld, und Eckold dachte nun an nichts mehr, als wie er die Goldstücke seines Freundes sich anzueignen vermöge.
Die Zeit der Abreise des Weinhändlers nahte heran, und noch hatte er sich keiner besondern Begünstigung der von ihm so leidenschaftlich geliebten Wilhelmine zu erfreuen. Jetzt sollten seine Wünsche gekrönt werden. In einer Nacht — der Weinhändler wollte so eben zur Ruhe gehen — pochte man an seine Thüre. Auf die Frage, wer noch so spät Einlaß fordere, tönte ihm eine Stimme entgegen, die er gleich für Wilhelminens erkannte. Der rasch Oeffnende traute seinen guten Augen beinahe nicht, als Wilhelmine nun mit Heftigkeit in das Zimmer drang, sich auf das Sopha warf, weinte, die Hände rang, dann seine Kniee umklammerte, und ihn um Schutz, um Hilfe anflehte. Der Weinhändler war außer sich, Wilhelminen zu seinen Füßen zu sehen, da er gar zu gern zu den ihrigen gelegen hätte. Er trug sie auf das Ruhelager, er nahm sie an seine Brust, er bat sie mit den süßesten Schmeichelworten, ihren Schmerz zu beschwichtigen, und sich ihm mit aller Offenheit zu vertrauen, da er sein ganzes Vermögen, selbst sein Blut willig hingebe, um ihr seine heißeste Neigung durch die That zu erproben.