Nun vertraute ihm Wilhelmine unter strömenden Thränen und mit leiser, fast zitternder Stimme, wie sehr sie von ihrem Manne mißhandelt werde, weil sie sich nicht den Umarmungen eines jungen, reichen Gutsbesitzers hingebe, der für den Genuß ihrer Reize eine sehr reiche Summe geboten habe. — „Der Bösewicht, der ehrlose Verräther hatte die Frechheit, den wollüstigen Grafen in mein Schlafgemach zu führen und mir mit den unmenschlichsten Qualen zu drohen, wenn ich dem Grafen mich länger versage. Gott hat mir schwachem Weibe männliche Kräfte gegeben, durch die ich mich den thierischen Umklammerungen des Grafen, der rauhen Faust meines Gatten entriß, glücklich die Thüre erreichte, wo ich durch rasches Vorschieben des äußern Riegels mich vor Verfolgung sicherte, und so unaufgehalten aus dem Hause kam. Seit meiner Vermählung durch die Liebe zu meinen häuslichen Geschäften, zu genügsamem Stillleben, mit den Bewohnern dieses Fleckens beinahe nie in Annäherung gekommen, als im Tempel des Herrn; in diesem Orte, mit keiner Familie verwandt, würde ich ohne Obdach, ohne Hilfe umhergeirrt sein, hätte mir nicht eine tröstende Stimme Ihren Namen zugeflüstert. Ich weiß, edler Mann, daß Sie mich lieben, aber meine Grundsätze, mein Zartgefühl gestatten mir nicht, so lange ich Gattin bin, Ihnen mehr zu sein, als die treueste Freundin, eine kindlich liebende Tochter. Führen Sie mich fort von hier, weit, sehr weit, damit mich die Luft nicht mehr erreichen kann, von welcher dieser Bösewicht, dieses Ungeheuer von Gatten, umwehet wird. Dort will ich als die niedrigste Magd dienen und bei den härtesten Arbeiten werde ich mich als die Glücklichste fühlen und unter allen Leiden immer innig Ihrer gedenken, denn meine Tugend wird gerettet sein und nur Ihnen danke ich diese Rettung!“ —
Mit diesen erheuchelten Worten, im Wechsel des Pathos mit Schmerz, mit Zärtlichkeit, mit der sanftesten Hingebung gesprochen, schloß Wilhelmine ihr wohlerzähltes Mährchen.
Der Weinhändler wußte nicht, ob er sich freuen oder mit ihr trauern sollte. Das Wesen seiner heißesten Wünsche zu dieser Stunde, im freien, buhlerisch geordneten Nachtgewande, das mehr verrieth als verbarg, dicht an seiner Seite, oft im Laufe der Mittheilung an seinem stürmisch pochenden Herzen zu sehen; entzückt durch die Hoffnung, sich bald zur letzten Stufe seines heiß ersehnten Ziels aufzuschwingen, sank er durch den Redeschluß voll Keuschheit und Tugend, den der Leichtgläubige für baare Münze nahm, aus seinem geträumten Himmel recht unsanft zur kalten Wirklichkeit herab. Doch tauchte in ihm die Hoffnung schnell auf, von der Zukunft, durch sein Geld, durch die Darbringung aller möglichen Opfer, durch kupplerische Gelegenheiten einer lange währenden Reise das zu erlangen, was ihm jetzt die Gegenwart mit den ersten Eindrücken des Abscheues gegen ihren Mann, mit dieser, vielleicht noch nie versuchten Anhänglichkeit an die Pflichten der ehelichen Treue und an die Macht des Zartgefühles ihm verweigere. Schnell besonnen verhieß er Wilhelminen die herzlichste Hilfe, bestimmte den Tag seiner Abreise mit ihr, und gelobte auf das Feierlichste, sie bis dahin so verborgen zu halten, daß ihr Aufenthalt in diesem Gasthause auch noch so spähenden Augen entgehe.
In Eile weckte er den Wirth, der, des Schuldenbuches wegen, dem reichen Weinhändler in allem auf das Eifrigste zu Gebote stand, und vertraute diesem geradezu, wie höchst unglücklich die edle, tugendhafte Frau Eckold sei, wie fest er beschlossen habe, sie zu retten, und wie er nun verlange, daß sie bis zu seiner Abreise höchst verborgen in diesem Hause leben könne.
Der Wirth, ein durchtriebener Schelm, der Frau Eckold genau kannte und bei dem Lobe ihrer Tugenden beinahe in lautes Lachen ausgebrochen wäre, war gleich entschlossen, den Irrwahn und die tolle Leidenschaft seines großmüthigen Gläubigers zu irgend einem Vortheil zu benutzen, zerfloß beinahe in Thränen über die Leiden der keuschen Dulderin, und eilte mit dem Weinhändler und Wilhelminen in aller Stille nach seinem Hinterhause, wo er im dritten Geschosse ein freundliches Zimmerchen öffnete, und auf das Heiligste versicherte, Wilhelmine werde hier, wenn sie sich nicht am Fenster zeige, Jahre lang unentdeckt wohnen können, da Niemand, als seine Frau, die verschwiegenste Seele, für ihre Bedürfnisse und ihre Bedienung sorgen werde.
Schon nach einer Stunde wußte Eckold den Augenblick der Abreise des Weinhändlers mit Wilhelminen, daß dieser seinen Einspänner selbst lenke, wohin die Reise gehe, und in welchem Orte das erste Nachtquartier gehalten werde. Wilhelmine hatte, als sie sich allein sah, diese Nachricht mit Bleistift in ihre Brieftasche geschrieben und diese Eckold zugeworfen, der, wie verabredet war, das Haus umschlich.
Kaum war der Tag, welchen der Weinhändler zu seiner Abreise festgesetzt hatte, mit seinem ersten Leuchten angebrochen, als der Einspänner den Gasthof zur Sonne verließ. Man sah nur den wohlbeleibten Weinhändler in der Chaise, da Wilhelmine, um den Glauben ihres Führers an die Gefahr einer Verfolgung noch mehr zu bestärken, sich unter das Spritzleder niedergekauert hatte. Rasch ging es außerhalb des Thores nun auf der guten Landstraße fort, und früher war der Gasthof, in welchem Mittagsruhe gehalten werden sollte, erreicht, als Wilhelmine im Stillen es wünschte, da ein Zettel, welchen sie in der Nacht vor der Abreise mittelst eines Bindfadens auf ein Zeichen ihres Mannes heraufgezogen hatte, ihr den Wald angab, in welchem der Weinhändler geplündert, und daher, nach Eckolds Verlangen, die Ankunft in diesem Walde bis zur eingebrochenen Nacht von ihr verzögert werden sollte. Dieses mußte geschehen. Schon war das Mittagsmahl eingenommen, das Pferd abgefüttert und dem Hausknechte vom Weinhändler der Befehl zum Einspannen gegeben, als Wilhelmine mit einem gebrochenen Schrei langsam vom Stuhle glitt. Man trug sie auf ein Bette, man schleppte in Hast alles herbei, was man zur Belebung der Ohnmächtigen aufbringen konnte. Der Weinhändler hätte in diesem Augenblick eine Hand voll Gold für die Hülfe eines Wundarztes gegeben. Wilhelmine war nach einer Stunde wieder aus ihrer Ohnmacht erwacht und zur Fortsetzung der Reise vollkommen hergestellt, als sie berechnet hatte, daß der Wald nach dieser Verzögerung nicht vor Einbruch der Nacht erreicht werden könne.
Von der schwülen Tageshitze und dem langen Wege ermattet, schleppte das Pferd langsam die Chaise dem Walde zu. Sanft schlummerte der Weinhändler, der, als Nachmittags nochmals angehalten wurde, im Entzücken über Wilhelminens zärtliche Freundlichkeit schon auf ein wonnevolle Zukunft dem alten Burgunder gar zu tüchtig zugesprochen hatte. Aber unsanft wurde er aus seinem süßen Schlummer geweckt und erstarrte vor Schrecken, als er sich von einem Manne mit schwarzgefärbtem Gesichte gewaltig ergriffen sah. Er wollte um Hülfe rufen, sogar eine Gegenwehr versuchen, aber Wilhelmine, gleichsam ihn schützend, oder aus der höchsten Furcht, hatte ihn mit beiden Armen kräftig umklammert, und ihr Gesicht so dicht an seinen Mund gelegt, daß er sich nicht zu bewegen und nicht zu schreien vermochte. Im Augenblicke waren von dem schwarzgefärbten Manne die Hände des machtlos sich Sträubenden fest zusammengeschnürt, und als Wilhelmine, wie aus einer Ohnmacht rasch aufschreckend, sich hastig aufrichtete, hatte ihm der Räuber mit gewandter Bewegung ein breites Tuch um den Mund geschlungen. Er wurde aus dem Wagen geschleppt, und Wilhelmine, ihre Rolle fortspielend, floh in die Gebüsche. Der Weinhändler lag im Graben und Eckold — welcher Leser wird nicht gleich in ihm den Räuber vermuthet haben? — nahm in Hast die wohlgefüllte Chatulle aus dem Kutschensitze, durchsuchte die Seitentaschen, und wollte eben den kleinen Koffer vom Packbrette losbrechen, als ein Schuß fiel und er im Arme verwundet wurde.
Eckold hatte, mit dem Straßenraube noch nicht ganz vertraut, beim Binden der Hände den Knoten nicht fest genug geschürzt. Es gelang dem Weinhändler, die Hände frei zu machen, und seiner Sackpistole sich zu bemächtigen. Unglücklicherweise war er kein geübter Schütze, und nur ein leichter Streifschuß erfolgte.
Eckold, wie er im Laufe seiner Untersuchung oft und auf das Feierlichste betheuerte, hatte bei diesem Straßenraube nicht die Absicht gehabt, den Weinhändler zu ermorden, sondern nur auszuplündern, dann festgebunden, mit verstopftem Munde tiefer in den Wald hinein zu schleppen und dort seinem Schicksale zu überlassen, das Pferd aber mit der Chaise auf entgegengesetzter Richtung in den Wald zu lenken, und in einem Dickicht niederzustechen. Bei aller Wahrscheinlichkeit, daß die Nacht, selbst der größte Theil des folgenden Tages hingegangen sein dürfte, bis der Weinhändler durch Köhler oder Harzsammler gefunden worden wäre, würde er der Gefahr, als Raubmörder entdeckt worden zu sein, durch gewonnenen Vorsprung entwichen sein.