Durch den Schuß war der Weinhändler rettungslos verloren, da er zugleich auch die Binde vom Munde gebracht hatte und nun aus Leibeskräften um Hülfe schrie. Diese Landstraße wurde immer stark begangen und befahren; Eckold war keinen Augenblick vor Ueberraschung sicher. Nur ein rascher Mord konnte ihn jeder Gefahr entreißen. Schnell und mit aller Kraft stieß er sein scharfes Messer dem Weinhändler in die Kehle, in die Brust, warf die geraubten Sachen wieder in die Kutsche, und trieb das Pferd gerade in den Wald hinein, wo er, vom Mondlichte begünstigt, eine weite Strecke zwischen den Bäumen dahin fuhr und an einem dichten Gebüsche still hielt.

Jetzt erst dachte er an die Leiche, die, im Straßengraben liegend, leicht gesehen werden konnte. Er schlich sich zurück, hatte aber nicht die Kraft, den schweren Körper fortzubringen. Zu seiner Hülfe eilte Wilhelmine herbei, die im nächsten Gebüsche alles mit angesehen hatte. Nur mit aller Anstrengung vereinter Kräfte gelang es ihnen, die Leiche aus dem Graben zu bringen und in die Gesträuche zu schleppen. Eine volle Börse, Uhr und Kette von großem Werthe, ein kostbarer Brillantenring und ein reiches Taschenbuch war die Beute des Raubmörders, der die Leiche mit Moos, Reisig und Laub bedeckte und dann, von Wilhelminen gefolgt, der Chaise zueilte.

Von beiden wurde nun Rath gehalten, dessen Resultat war, das Pferd ein Paar Stunden ruhen zu lassen, dann einen fahrbaren, nach entgegengesetzter Richtung führenden Waldweg zu suchen und darauf fortzueilen, bis ein Ort erreicht werde, wo man Pferd und Chaise unter einem schicklichen Vorwande verkaufen, und von da mit Extrapost nach Baiern, vor der Hand dem ersten Reiseziele, so schnell als möglich sich begeben könne.

In den Taschen der Chaise fanden sich einige Flaschen Wein, auch Schinken und Brod. Eckold, mehr auf Labung des Pferdes denkend, um es wieder zur Eile antreiben zu können, als auf sich selbst, ließ von Wilhelminen ein großes Brod in kleine Stücke schneiden, und selbe dem hungrigen Pferde reichen, worauf er ihm eine ganze Flasche Wein eingoß; dann tränkte er es aus einer tiefen Pfütze, die in der Nähe war, und ließ sich nicht die Mühe gereuen, einen grasreichen Platz aufzusuchen, wohin er das Pferd führte, und es mit kurzgebundenen Beinen weiden ließ. Als er aus dieser Pfütze sich die schwarze Farbe vom Gesichte und das Blut von den Händen gewaschen hatte, trank und aß er mit Wilhelminen so fröhlich, als laste nicht das geringste Vergehen auf seiner Seele.

Die Uhr des ermordeten Weinhändlers zeigte die zweite Morgenstunde an, und die Reise wurde angetreten.

Nach vielen Schwierigkeiten, oft in Gefahr zwischen enge stehenden Bäumen, oder in aufstoßenden Dickichten nicht mehr fortzukommen, wurde mit anbrechendem Tage ein breiter, viel befahrner Waldweg gefunden und nach einigen Stunden ein einsam stehendes Gebäude erreicht, welches gegen Süden von prachtvollen Gärten umschlossen, gegen Norden von den Riesenbäumen eines weit auslaufenden Parks geschützt, das stattliche Aussehen eines sehr reichen Edelsitzes hatte. Es war das Jagdschloß des Herrn von Brand, der gerade am Schloßthore stand, als Eckold heranfuhr. Gleich hatte dieser die Frechheit, dem Edelmann Pferd und Wagen zum Kaufe anzubieten, wobei er die Nothwendigkeit, sehr eilig zu reisen, durch ein recht wohl ersonnenes Mährchen darthat. Mit wenigen Worten schloß Herr von Brand den Kauf und erfüllte auch die Bedingung, die Reisenden in seiner Kutsche und mit seinen Pferden auf die nächste Poststation zu schaffen.

Glücklich hatte Eckold Regensburg erreicht, wo er in der Rolle eines reichen Edelmanns aus Sachsen erschien, eine prachtvolle Wohnung miethete, einen Jäger und Koch, und Wilhelmine eine Kammerjungfer und zwei Stubenmädchen in Dienste nahm. —

Die Chatulle des ermordeten Weinhändlers enthielt in Gold die Summe von 11,000 fl., und noch eine größere die Brieftasche in Wechseln au porteur.