„Nun sorge für Dich! Ich habe Dir die Freiheit, Waffen, und in diesem Bündel einen vollständigen Anzug gegeben. Was nun für Dich geschehen muß, überlasse ich Deinem Muthe und Deinem Kopfe. Lebe wohl!“ —
Verschwunden war das Mädchen, ehe Hentzschel im Stande war, seiner Retterin nur ein Wort des Dankes zu sagen. Eilig öffnete er den Bündel und fand darin einen vollständigen Anzug, eine Mütze und etwas Wäsche; schnell war sein Kerkerkittel abgeworfen und gegen die neue Kleidung vertauscht. Den Säbel unter dem Oberrocke verbergend, die Sackpistole in der Brusttasche, eilte Hentzschel fort, fest entschlossen, dem Wanderer, den er zuerst treffe, das Geld abzunehmen. Als der Tag zu grauen anfing, erkannte Hentzschel die Gegend und schlug gleich den Weg nach jener Richtung ein, die ihn an ein vertrautes Haus führte. Ein Bauer, der eine Kuh zum Verkauf trieb, mußte seine geringe Baarschaft an Hentzschel abgeben.
Nach drei nächtlichen Wanderungen — den Tag hindurch weilte er wohlverborgen in den Wohnungen gleichgesinnter Freunde — erreichte er die Gegend, wo, sicheren Nachrichten zufolge, Lips Tullian sich gerade jetzt umhertrieb. Willig nahm das gefürchtete Räuberhaupt den kräftigen, durch Worte und Aussehen sein Gewerbe ankündigenden Hentzschel auf, dessen Schlauheit und Muth ihm bald das Vertrauen seines Meisters und seiner Gefährten erwarb.
Nach einigen Monaten brachte ein Kundschafter die Nachricht, daß der Husaren-Bernhard durch das Rad hingerichtet, Johanna zum lebenslänglichen Zuchthause verurtheilt und Hentzschels Haus bis auf den Grund zerstört worden sei. —
Von diesem Augenblicke an ward Hentzschel der grausamste Wütherich. Justizbeamte, Gerichtsdiener und Frohnknechte waren die Gegenstände seines entmenschten Strebens. Mit einer Tollkühnheit, die nur die Geburt der Raserei, der höchsten Verzweiflung sein konnte, drang er in Amtsgebäude, in Frohnfesten und übte die schauderhaftesten Grausamkeiten aus.
Hentzschel war unter der schwarzen Garde der Verwegenste, der Unbezähmbarste, der Einzige, den selbst der schreckliche Lips Tullian in manchem Momente leidenschaftlicher Aufwallung fürchtete und der den Aufbrausenden nur mit Worten der Freundlichkeit und Sanftmuth zu beschwichtigen suchte, nie aber durch Strenge und Gewalt in die Schranken der Ruhe und Unterwürfigkeit zurück zu führen wagte.
[11] Betrug und Diebstahl.
[12] In Kaufläden und auf Jahrmärkten stehlen.
[13] Hierzu die [Abbildung] in diesem Hefte.