So waren zwei Tage hingegangen, ohne daß in Hentzschels Hause das Mindeste vorfiel. Man erzählte sich im Dorfe, daß die zwei Gerichtsdiener des Freiherrlich von Hartitzschen Amtes, worunter Colmnitz gehörte, vermißt werden.
Hentzschel besuchte das Wirthshaus, welches er nicht nur aus Scheinheiligkeit, sondern selbst immer mit einem Vorrathe des besten Getränkes versehen, selten that, und lauerte vorzüglich darauf, ob Niemand sich äußere, die beiden Gerichtsdiener an jenem Morgen in Colmnitz gesehen zu haben.
Niemand hatte die Gerichtsdiener bemerkt, und unter den Leuten, die im Wirthshause zechten, sprach sich die allgemeine Vermuthung aus, sie seien in die Hände der Bande des rothen Peters gefallen, der gegenwärtig in der Nähe hause und, wie allgemein bekannt, den Gerichtsbeamten und Gerichtsdienern des Freiherrn von Hartitzsch den Untergang geschworen habe. Solch ein Wahn war für Hentzschel sehr angenehm. Mit ganz beruhigtem Gemüthe wollte er soeben das Wirthshaus verlassen, als die Thüre der Zechstube rasch aufgerissen wurde und er sich im Augenblicke von Jägern und Soldaten umgeben sah.
Ihr Anführer, der von Hartitzsche Gerichtsschreiber, winkte dem Amtsfrohne, und Hentzschel wurden die Hände so schnell und so fest auf den Rücken gebunden, daß er nicht im Stande war, den geringsten Versuch zur Gegenwehr, zur Anwendung seiner Riesenkraft zu machen. In der Mitte der zahlreichen Wache mußte er dem Gerichtsschreiber nach Hause folgen, wo er mit Entsetzen seinen Schwiegervater und sein Weib in Ketten, und das ganze Haus von Soldaten und Jägern besetzt sah. Als Hentzschel die Frage des Gerichtsschreibers, ob nicht vor zwei Tagen, noch in dunkler Morgendämmerung, zwei Gerichtsdiener des Freiherrlich Hartitzschen Justizamtes in diesem Hause gewesen seien, ohne die geringste Veränderung seiner Miene und in aller Unbefangenheit mit einem festen Nein beantwortet hatte, wurden Lichter angezündet, und nun ließ der Gerichtsschreiber das ganze Haus vom Giebel bis zum Keller in Hentzschels Beisein auf das Sorgfältigste untersuchen. Es wurde auch nicht das Geringste gefunden, woraus irgend ein Argwohn hätte geschöpft werden können.
Schon war der Wagen vorgefahren, worauf die Arretirten nach dem Amthause gebracht werden sollten, schon wurde Hentzschel von den Stricken losgemacht und mit einer Kette gefesselt, als der Amtsfrohn seinen Fanghund vermißte. Er rief, er pfiff; der Hund kam nicht. Einer der Jäger glaubte aus dem Keller herauf ein dumpfes Bellen zu hören. Der Amtsfrohn, in der Meinung, seinen Hund dort vergessen und eingesperrt zu haben, eilte in den Keller, kam aber erst nach einer Weile im raschen Gange herauf, nahm ein Licht, winkte dem Gerichtsschreiber, und eilte mit ihm die Treppe hinab. Erstaunt, aber gleich eine wichtige Entdeckung ahnend, sah der Gerichtsschreiber, wie der Hund in einer Ecke mit aller Heftigkeit scharrte, dann auf dem Boden umherschnoberte, knurrte, und wieder mit aller Mühe strebte, das Pflaster mit seinen Klauen aufzureißen. Unverzüglich mußte der Amtsfrohn aus den nächsten Häusern einige Leute mit Pickeln und Schaufeln herbeiholen. Als einige Steine losgemacht waren, bemerkte man schon, daß hier vor Kurzem jemand begraben worden sei. Die Neugierde spornte die Arbeiter zu solcher Thätigkeit an, daß sie vor Ablauf einer Viertelstunde die tief verscharrten Leichen ausgegraben hatten.
Im tiefsten und festesten Kerker des Hartitzschen Amtsgebäudes saß Hentzschel am fünften Tage nach seiner Verhaftung, und erschöpfte sich im Nachsinnen über die Möglichkeit, sich frei zu machen, als durch das hohe und dichte Gitterfenster seines Kerkers etwas Weißes zu seinen Füßen niederfiel. Er hob es auf und fand eine kleine, sehr scharfe Zeile, um welche ein Papier gewunden war, worauf kaum leserlich geschrieben stand: „Sobald Du Deine Ketten durchgefeilt hast, so bete das Vaterunser mit lauter Stimme. Doch darf dieses nicht eher geschehen, als eine Stunde nach der letzten nächtlichen Visitation.“ — Da es gerade um die Zeit war, wo täglich die Mittagskost gebracht und visitirt wurde, so verschluckte Hentzschel den Zettel, und verbarg die Feile in einer Ritze des Fußbodens.
„Woher kommt diese Feile? — wer will mich befreien?“ - Mit der Lösung dieser höchst schwierigen Frage quälte sich Hentzschel gar sehr ab; als aber die bezeichnete Stunde schlug, dachte er nur an die Erfüllung des ertheilten Auftrags, und, der gegebenen Anweisung gemäß, scholl sein lautes Gebet in die tiefe, stille Nacht hinein. Leise klirrten jetzt Riegel und Schloß der Kerkerthüre, ein Pst rufte den Kettenbefreiten an den Eingang, eine weiche Hand ergriff die seine, an welcher er im leisesten Schleichen durch die Dunkelheit des langen, gewölbten Ganges sich forttappte, dann durch ein halbgeöffnetes Pförtchen schlüpfte, und sich im Freien sah. Noch konnte er, der tiefnächtlichen Dunkelheit wegen, die Gestalt nicht unterscheiden, deren rettende Hand ihn hierher geleitet hatte. Es blieb ihm auch keine Zeit zur genauen Beschauung, denn die Gestalt drückte ihm hastig einen schweren Bündel unter den Arm, eine Pistole, einen Säbel in die Hand, und schritt nun so eilig voran, daß Hentzschel, hier des Weges unkundig und bald durch einen Baum, bald durch ein Geländer in seiner eiligen Folge gehemmt, alles aufbieten mußte, in ihrer Nähe zu bleiben.
Die Bäume und die Geländer hörten auf, Sterne schimmerten durch die zerrissenen Wolken, bei deren sanftem Lichte Hentzschel die leitende Gestalt einem Walde zueilen sah, an dessen Saume es noch eine gute Strecke fortging.
Aus der Weichheit der Hand, die die seinige gefaßt hatte, und aus Gang und Haltung, welche er beim Sternenlichte zu beobachten vermochte, schloß er, daß diese Gestalt, trotz ihrer männlichen Kleidung, einem weiblichen Wesen angehöre. Von der Richtigkeit seines Schlusses überzeugte er sich, als die Gestalt sich jetzt unter einer Eiche niederließ, ihn an ihre Seite zog, und mit halblauter Stimme sprach:
„Hentzschel, ich habe Dich Deinen Ketten, Deinem Kerker und Deinem Tode auf dem Rabensteine entrissen, aber, recht aufrichtig gestanden, nicht, um an Dir ein Liebeswerk auszuüben, sondern um meine Rachsucht zu befriedigen. Unser Amtsfrohn, der Nachfolger meines im vorigen Jahre verstorbenen Vaters, hat vier Jahre mit mir in vertrauter Bekanntschaft gelebt und mich zu ehelichen versprochen, wenn er, sollte mein Vater zum Dienste unfähig werden oder sterben, an dessen Stelle komme. Der Vater starb, mein Geliebter erhielt die Stelle und — heirathete meine Stiefmutter, weil sie, einige Wochen vor dem Tode meines Vaters, 600 Thaler geerbt hatte. Zur Beischläferin wäre ich gut genug, da ich aber seine wilden Begierden nicht stille, auch bei jeder Gelegenheit ihn meine tiefste Verachtung fühlen lasse, so mißhandelt er mich täglich unter den Augen meiner mich hassenden Stiefmutter auf das Grausamste, hat auch in der ganzen Umgegend mich als so ein arbeitsscheues, liederliches Mädchen ausgeschrieen, daß mir selbst der armseligste Dienst verschlossen ist. Vor einigen Tagen hörte ich von unserm Justizamtmann zu meinem Stiefvater sagen: „Rollinger, wenn Hentzschel, oder sein Weib, oder Husaren-Bernhard sich losmachen, so bist Du Deiner Stelle für immer ledig und kommst auch zwei Jahre ins Zuchthaus!“ — Von diesem Augenblicke an war Deine oder der Andern Befreiung von mir beschlossen, da ich aus vielen Fällen weiß, wie streng unser Justizamtmann ein gegebenes Wort erfüllt. Mein Unternehmen ist mir geglückt. Daß ich Deine Befreierin war, wird Niemand ahnen. Alle Schuld fällt auf meinen Stiefvater. Er hat sich erst vor Kurzem meiner schweren Nachlässigkeit in Verwahrung von Gefangenen schuldig gemacht, ist nun durch meine schlaue, muthige That rettungslos verloren, und meine heiße Rache befriedigt sein Untergang.“