Das Lied der Lerche ertönte in milder Frühlingsluft und Hentzschel hatte sich zum Auszuge mit Weib und Schwiegervater bereitet, als am Morgen der Fortwanderung, da es noch fast dunkel und das Hentzschel’sche Kleeblatt schon zum Abzuge gerüstet war, zwei bewaffnete Gerichtsdiener rasch in Hentzschels Wohnstube eintraten, ihm und dem Husaren-Bernhard Ergebung geboten, Stricke hervorzogen und Beide zu binden sich anschickten. Hentzschel und sein Schwiegervater, beim raschen Eintritte der Häscher sich gleich eines im verflossenen Herbste begangenen Raubmordes erinnernd, sahen gleich ein, daß die Gefahr für sie groß sei und rasch und kräftig abgewendet werden müsse. Nur ein Blick, der leiseste Augenwink und sie verstanden sich. In unglaublicher Schnelle, mit Riesenstärke hatte[13] Hentzschel die beiden Gerichtsdiener bei der Kehle gepackt und gewaltig an die Wand gedrückt, daß sie nicht zu schreien, auch keine Gegenwehr vermochten, sondern nur röchelten unter seiner würgenden Faust. Mit einem Sprunge war der Fanghund an Hentzschels Genicke, aber ein rascher Hieb mit der schweren, scharf geschliffenen Axt, von des Invaliden noch immer kräftiger Faust geführet, spaltete den Kopf des furchtbaren Hundes.
„Kaporet die Tschuckeln!“[14] — rief Hentzschel, ermattet von der Anstrengung, womit er die Gerichtsdiener fast bis zum Erdrosseln an die Wand drückte. Im Augenblicke sank einer unter dem tödtenden Streiche des Husaren-Bernhards, und schnell reichte Johanna dem Hentzschel ein scharfes Messer, das er bis an den Heft in die Brust des lautlos sterbenden Gerichtsdieners stieß.
Die Ermordung zweier Gerichtsdiener
Schnell besonnen sprang Johanna an die Hausthüre und lauschte nach allen Seiten, ob Niemand in der Nähe sei. Die ganze Nachbarschaft war noch in tiefer Ruhe. Johanna verschloß die Thüre, und eilte, den Männern bei der Wegschaffung der Leichen eifrig zu helfen.
Gerade an der Stelle, wo der Mord geschah, war ein Strohlager bereitet, worauf bis zur Mitternacht ein befreundeter Gauner geschlafen und sich dann fortgeschlichen hatte. Das Stroh hatte alles Blut der Ermordeten aufgefangen. Um bei Hinwegschaffung der bluttriefenden Leichen keine Spuren zu hinterlassen, wurde nun jeder Körper in eine Strohschütte gebunden und in den Keller geschleppt. Noch war keine Stunde hierüber vergangen, als schon Hentzschel und sein Schwiegervater die Gerichtsdiener, nachdem sie selben Geld, Uhren und Waffen genommen, wie auch den Hund tief verscharrt und das aufgerissene Kellerpflaster mit aller Sorgfalt eingefugt hatten, während Stube und Hausflur von Johanna so sorgfältig gereinigt wurden, daß auch nicht das geringste Merkmal des begangenen Mordes aufgefunden werden konnte. Eben so vorsichtig und unentdeckbar verbarg Hentzschel die den Gerichtsdienern geraubten Sachen.
Auf des Schwiegervaters Rath wurde die Fortwanderung verschoben, um jedem Verdachte, den das spurlose Verschwinden der Gerichtsdiener und ihres Hundes gegen die Hentzschel’sche Familie erzeugen könnte, so viel als möglich zu entgehen.
Hentzschel machte seinen Schwiegervater darauf aufmerksam, daß ihre vorgehabte Arretirung durch die Entdeckung irgend eines ihrer Verbrechen, zweifelsohne des jüngsten Raubmordes, veranlaßt worden, eine neue zu gewärtigen, und es daher klüger sei, ungesäumt auf immer von dannen zu ziehen und im Auslande einen sichern Aufenthalt sich zu verschaffen, als hier jeden Augenblick Verhaftung, Criminaluntersuchung, Tortur, und am Ende, wenn auch nicht den Galgen, doch langwährendes Zuchthaus erwarten zu müssen. Auch Johanna theilte ihres Mannes Ansichten. Doch Husaren-Bernhard, durch seine so vielen Verhaftungen und theils mittelst hartnäckigen Läugnens, theils durch Ausbrüche jederzeit erreichten Befreiungen, gegen Arretirung und Criminalproceß höchst gleichgültig, wußte Hentzschel und Johanna dahin zu bereden, daß sie sich entschlossen, wenigstens noch einige Tage im Hause zu bleiben.