Als Hentzschel von seinem Vater zu einem Anverwandten nach Gubitz, einem Dorfe bei Döbeln in die Lehre gethan wurde, mußte ihn sein Lehrmeister schon nach einigen Wochen wieder in das väterliche Haus zurück schicken, da in ganz Gubitz kein Knabe war, den er nicht, ohne alle Veranlassung, angefallen und abgeprügelt hätte, wobei immer seine muthigsten Gegner am schlimmsten wegkamen, während er den Feigen sein Uebergewicht nur mäßig zu fühlen gab.

Kaum war sein Vater gestorben und Hentzschel im Besitze des kleinen Grundstücks, als die Begierde nach einem viel und lustig und frei sich bewegenden Leben ihn aus seinem beschränkten, mechanischen Seyn in die Welt hinaus trieb. Schnell war das Grundstück verkauft und Hentzschel wanderte fort, fest entschlossen, ein ziemlich großes Stück dieser Erde zu besehen. So lange der geringe Erlös aus dem kleinen Grundstück seinen Hang zum Wohlleben und zum Genusse sinnlicher Freuden befriedigen konnte, trieb er sich müßig umher; sobald aber Geldmangel und Noth, die beten und arbeiten lehren, seinem Müßiggange entgegen traten, bequemte er sich zu einem Erwerbe, der darin bestand, daß er bald als Schneidergeselle arbeitete, bald als Hausknecht, als Lastträger, als Markthelfer sich gebrauchen ließ, aber nur immer so lange in Thätigkeit sich setzte, bis er so viel erworben hatte, um einige Zeit wieder müßig umher wandern zu können.

Auf einer solchen Wanderung, bei welcher Hentzschel mit losem Gesindel immer vertrauter und zum Gauner immer reifer wurde, machte er die Bekanntschaft eines Invaliden, genannt der Husaren-Bernhard, der mit seiner Tochter Johanna den größten Theil des Jahres umherzog, zum Scheine einen kleinen Handel mit Bildern und Spielzeug trieb, doch einen viel größern Erwerb aus seiner Gewandtheit im Stehlen und aus den Buhlerkünsten seiner Tochter, ihrem Gesange und Zitterspiele sich verschaffte.

Johanna, erst siebzehn Jahre alt, und eine jener Gestalten, die durch das Feuer des Auges, durch hohen, schlanken, üppig geformten Bau und leichte, rasche Bewegungen des leicht und verrätherisch bekleideten Körpers so sehr die Sinne aufregen, war eine so feine Buhlerin, als hätte sie die Schule der erfahrensten und geistreichsten Hetären durchgemacht. Damit vereinigte sie alle jene verderblichen Eigenschaften, die im Bereiche der Gaunerei sich glänzend und früchtevoll hervorthun.

Hentzschel, eingeweihet in die Kunst, Karten und Würfel zu seinem Vortheile zu benutzen, hatte einige Tage vor seiner Bekanntschaft mit dem Husaren-Bernhard in einer Waldschenke, mit deren Besitzer er höchst vertraut war, einen Pächter, einen Müller und drei Bauern, reiche Kumpane, betrunken gemacht, zum Würfelspiele verleitet, und ihnen eine baare Summe von 375 Thalern abgewonnen. Kaum hatte er Johanna gesehen und gesprochen, als er von dem heftigsten Verlangen nach dem Besitze dieses so lockenden Mädchens hingerissen wurde. Auf der Stelle bewirthete er Vater und Tochter mit Braten und Wein, machte ohne alle Einleitung dem Gegenstande seiner entzügelten Begierde einen Heirathsantrag, beurkundete die vollkommene Fähigkeit der anständigen Ernährung einer Frau durch seine gerühmte Geschicklichkeit in der Schneiderarbeit, sprach ohne Scheu von seiner Fertigkeit in betrügerischem, vortheilhaftem Gebrauche der Karten und Würfel, und schüttete, zur kräftigen Unterstützung seines Antrages, die reichlich gefüllte Geldgurte in Johannas Schoos aus. Noch am nämlichen Abend wurde Verlobung und Hochzeit gehalten, der aber die priesterliche Einsegnung erst nach einigen Monaten folgte.

So lange Hentzschels Thaler vorhanden waren, lebte die wackere Familie in Saus und Braus, ohne an einen Erwerb zu denken. Es herrschte unter ihnen kein Geheimniß mehr, und so war Hentzschel über die moralische Verdorbenheit seiner Angehörigen, die anfangs recht tugendhaft thaten, bald im Klaren; doch hütete sich Johanna, ihm zu vertrauen, daß sie seit ihrem vierzehnten Jahre das Gewerbe einer Buhldirne im Geheimen treibe. Hentzschel, mit vorherrschender Neigung zu einem müssigen, schwelgerischen Leben, und mit allen Anlagen, für die bürgerliche Gesellschaft ein höchst gefährlicher Mensch zu werden, reichlich ausgestattet, freute sich um so mehr über seine Verbindung mit so routinirten Leuten, als ihm dadurch Hoffnung ward, bei leichtem und beträchtlichem Erwerbe sich seinen Neigungen ganz hingeben zu können.

Husaren-Bernhard machte den Vorschlag, irgendwo ein Häuschen zu kaufen, dort im Winter das Schneidergewerbe zum Scheine zu treiben, in den günstigen Jahreszeiten aber mit einem Krame von Kinderspielzeug, Bändern, wohlriechender Seife und andern, besonders auf dem Lande gangbaren Artikeln weit und breit umherzuziehen, dabei aber vorzüglich durch Freischupperei und Massematten[11] für ein herrliches Winterquartier recht thätig vorzuarbeiten.

Solch ein Häuschen zu finden, wäre eben nicht schwierig gewesen, aber die Flittertage dieser Titularehe hatten Hentzschels blanke Thaler bis auf wenige verschlungen. Doch diese Leute waren viel zu erleuchtet und ideenreich, um wegen Mangels an Baarschaft einem gefaßten Entschlusse zu entsagen. Nach kurzer Berathung trennte sich das tugendhafte Kleeblatt, um mit gefülltem Säckel sich wieder zu vereinen. Hentzschel zog mit dem Reste seines Geldes von einem Wirthshause zum andern und trieb Karten- und Würfelspiel. Husaren-Bernhard und Johanna wanderten mit ihren Waaren im Lande umher, stahlen und betrogen auf die feinste Weise, und Johanna’s Gesang und Zitterspiel lockten so manchen Lüstling in die gefährliche Nähe dieser Sirene, die aber nicht den Tod der Bezauberten, sondern nur ihre blanken Thaler wollte.

Nach viermonatlicher Trennung vereinigten sich unsere Wanderer wieder und hatten durch ihre lasterhaften und verbrecherischen Handlungen so viel Geld an sich gebracht, das Hentzschel zu Colmnitz ein recht geräumiges, gut gebautes Haus, dazu das Recht zur Ausübung seiner Profession erkaufen konnte und noch ein hübsches Sümmchen zur bequemen Einrichtung übrig hatte. Nun wurde er auch mit Johanna copulirt.

Fünf Jahre hatte Hentzschel die Winter hindurch zum Scheine geschneidert, die übrige Zeit als wandernder Handelsmann mit betrügerischem Spiele, Schottenfellen[12], auch manchmal als Theilnehmer bei leichten Einbrüchen hingebracht, dabei aber in Colmnitz, wie auch in dessen weiter Umgebung für einen recht wackern Mann gegolten. Die Wiederkehr der Lerche war immer für Hentzschel der Aufruf, mit Schwiegervater und Weib zum verbrecherischen Erwerb aus dem scheinheiligen Stillleben hinzuziehen in das vielbewegte Treiben der Laster und der Verbrechen.