Treuherzig glaubten die Schönfelder, der gute Nachbar Lehmann liege, so oft sie ihn bei der Arbeit vermißten, an den Nachwehen seiner Wunden schmerzlich leidend darnieder. Diese vermeintlichen Leidenstage waren für Lehmann und sein eben so arbeitsscheues Weib die Tage der Erholung von den ungewohnten Anstrengungen, denen sie sich zum Scheine unterzogen, um bei den an Fleiß und Nüchternheit gewöhnten Schönfeldern nicht allerlei Argwohn zu erregen. Es mochten wohl bei sehr reichen verschwenderischen Leuten Küche und Keller nicht so wohl bestellt sein, als sie es in Lehmanns Hause waren. Die befreundeten Gauner brachten immer nächtlicher Weile einen Vorrath der besten Eßwaaren und der besten Getränke mit. Wollte dann die Lehmannische Familie gute Tage haben, oder ein eingekehrtes Gesindel festlich bewirthen, so schloß man Fensterläden und Thüren, gleichsam um die möglichste Ruhe dem kranken Hausvater zu verschaffen, und dieser war Spitzbube genug, von Zeit zu Zeit so laut, so jämmerlich zu schreien, daß alle Dorfbewohner den Gequälten auf das Schmerzlichste bedauerten.
Es liegt in der Natur der Sache, daß Daniel, Lehmanns einziges Kind, aber auch der einzige Erbe aller Laster seines Vaters und seiner Mutter, schon früh zum Bösewichte reifte. Von seinen Eltern durch Elementarunterricht in der Gaunerei, durch Theorie und beispielvolle Ausübung zum ausgezeichneten Verbrecher aufgezogen, begann Daniel seine verbrecherische Laufbahn mit einer That, womit mancher ergrauete Räuber den Cyclus seiner Verbrechen geschlossen hätte. Daniel war noch nicht volle sechzehn Jahre alt, als er drei preußische Deserteurs verleitete, mit ihm eine abgelegene Mühle auszurauben. An der Spitze seiner Gehülfen erkletterte er auf einer schwankenden Stange ein offnes Fenster des obern Geschosses, überfiel den Müller und sein Weib, und erbrach, während seine Genossen die Müllersleute mit Stricken banden, Truhen und Schränke. Da stürzten die zwei Mühlburschen, mit Beilen bewaffnet, in die Stube. Es begann ein wüthender Kampf, der für Daniel um so gefährlicher wurde, da zwei seiner Raubgesellen aus Feigheit entsprangen. Mit überraschender Schnelle unterlief Daniel einen der Mühlburschen, stieß ihm das Messer in die Eingeweide, und riß den andern bei den Haaren zurück. Schnell war der Unglückliche von Daniels Gefährten getödtet. Mit hochgeschwungenem Beile trat Daniel vor den gebundenen Müller, und drohete, ihm den Kopf zu spalten, wenn er nicht gleich gestehe, ob sonst noch Jemand im Hause sei, und wo er die 500 Thaler verborgen habe, die ihm, den zuverlässigsten Nachrichten gemäß, erst vor einigen Tagen seien ausbezahlt worden. Der Müller versicherte aufs Feierlichste, außer seiner kranken Mutter niemand im Hause zu haben, erklärte auch die Sage von dem ihm bezahlten Gelde für eine boshafte, von feindlich gesinnten Menschen zu seinem Verderben ausgesprengte Lüge. Daniel, der sechszehnjährige Bursche, marterte nun den Müller so unmenschlich und mit solch besonnener Grausamkeit, daß dieser, der ärgste Geizhals, und für die Erhaltung seines Geldes den gräßlichsten Mißhandlungen trotzend, doch endlich, fast mit dem Tode ringend, den Ort angab, wo er das Geld verborgen hatte. Schnell war es hervor gerollt, und im Angesichte des verzweifelnden Müllers von den beiden Raubgenossen getheilt, die nun das ganze Haus durchsuchten, alles, was des Raubes werth war, in Säcke packten, diese auf einen Karren warfen, zwei stattliche Pferde des Müllers anspannten, und laut jubelnd vom Hofe fuhren. Auf die unbemerkteste Weise wurde der Raub, den der Müller bei Gericht auf 1200 Thaler eidlich angab, in Lehmanns Haus geschafft, der Karren im Walde verbrannt und der Erlös aus den Pferden dem Preußen überlassen, der sie jenseits der Grenze verkaufte, und sich bald wieder mit den andern vereinigte.
Daniels Leben war nun eine ununterbrochene Kette der scheußlichsten Laster und Verbrechen, wodurch er sich solch einen verruchten Ruhm erwarb, daß Lips Tullian den Eintritt des Daniel Lehmann in seine Bande mit einer Reihe schwelgerischer Feste feierte, und den würdigen Freund gleich zu seinem Vertrauten erhob.
XII.
Michael Hentzschel.
Nun, wenn es keinen andern Ausweg giebt,
Mir kommt’s auf einen kleinen Mord nicht an.
Th. Körner.
Michael Hentzschel war der Sohn eines Schneiders, und wurde von seinem Vater dieser Profession einverleibt. Aber wer allenfalls glauben möchte, Hentzschel, aus einer Schneiderfamilie abstammend, sei als Knabe ein furchtsamer, demüthiger, sich schmiegender Böhnhase, als Mitglied einer Räuberbande höchstens ein Patron und nur als feiger Kundschafter zu gebrauchen gewesen, der möchte wohl etwas Bange haben, wenn dieser Hentzschel noch sein Wesen triebe, und ihm zu ungewohnter Zeit die Ehre eines Besuches erweisen würde.
Schon im Kinderröckchen war Hentzschel zu Steina, seinem Geburtsorte, der Popanz, den alle Kinder nicht nur seines Alters, sondern selbst erwachsenere, fürchteten und flohen, und zwar wegen seines Raufsinnes und der Verwegenheit, womit er, der Einzelne, eine zahlreiche Schaar angriff und um sich schlug.