Eines Mordes wegen, den er in der Gegend von München begangen hatte, verfolgt und in Baiern nicht mehr sicher, floh er nach Oesterreich, ließ sich bei einem ungarischen Infanterieregimente anwerben und machte einen Feldzug mit, worin er verwundet und in der Folge wegen wirklich guter Aufführung und bewiesener Tapferkeit zum Unteroffizier befördert wurde.
Lehmann war einer der schönsten Männer im Regimente, dabei ausgezeichnet reinlich, sehr gewandt, schlau, und ein vorzüglicher Redner. Diese Eigenschaften veranlaßten den Regiments-Commandanten, ihn dem Offizier, der auf Werbung nach Nürnberg beordert wurde, beizugeben. Lehmann war gegenwärtig, wie der Bediente des Werbeleutenants den Koffer packte; er sah die vielen Goldrollen und Thalersäcke; er wurde von solch einer Begierde nach diesem vielen Gelde hingerissen, daß seine, beim Regimente bethätigte, aber nur auf Sand gebaute Moralität durch den Windstoß der Habsucht plötzlich eingestürzt und auf ihren Trümmern der Plan eines schweren Verbrechens gebildet wurde.
Lehmann jauchzte im Stillen, als er hörte, daß der Offizier ohne Bedienten reise. — Im nächsten Städtchen, wo sie Nachtquartier hielten, versah sich Lehmann mit Opium. Einige Tagereisen von Nürnberg stellte er sich so krank, als wäre er nicht im Stande nur noch einige Stunden zu fahren. Der Offizier, um seinen schönen, klugen, wohlberedten Werbegehülfen höchst besorgt, ließ im nächsten Wirthshause an der Landstraße anhalten und sich ein Zimmer mit zwei Betten geben, wohin Lehmann, die äußerste Schwäche erkünstelnd, getragen werden mußte. Das Wirthshaus lag ganz einsam, und der Offizier fand keine Unterhaltung, als die ihm die Flasche, seine liebste Freundin, gewährte, mit der er sich auch so innig befreundete, daß er schon bei Einbruch des Abends, seiner Sinne kaum mehr mächtig, das letzte Glas, in welches Lehmann unbemerkt eine tüchtige Dosis Opium gethan hatte, langsam leerte, und gleich darauf in todtähnlichem Zustande auf sein Lager gebracht werden mußte.
Einige Stunden nach der Ankunft im Wirthshause hatte Lehmann versichert, sich wieder besser zu fühlen, und schlich im Hause umher, gute Gelegenheit zur Ausführung seines Unternehmens zu erspähen.
Kaum war der bewußtlose Officier zu Bette gebracht, als Lehmann in die Zechstube hinabstieg, sich ein reichliches Nachtessen auftischen ließ, ein Paar Flaschen Wein ausstach und vor der Rückkehr in das Schlafzimmer dem Fuhrmann gebot, nicht eher sich zur Abreise anzuschicken, als bis der Officier selbst Befehl dazu gebe, der, nach seiner Aeußerung, hier gehörig ausschlafen wolle.
Als Lehmann nach leisem Umherschleichen im Hause sich ganz überzeugt hielt nun seien alle Bewohner dieses Gasthofes im tiefen Schlafe begraben, öffnete er den Koffer des Lieutenants, bekleidete sich mit dessen bestem Civilanzug, packte in seine geräumige Geldgurte alles, was er an Gold- und Silbergeld, an Uhren, Ringen und sonstigen Kostbarkeiten bergen konnte, füllte seine Taschen mit der feinsten Wäsche, steckte die Reisepistolen des Officiers zu sich, und hing dessen Säbel um. Mit dem Raube beladen, schlich er aus dem Zimmer, verschloß es leise und sorgfältig, kroch unter den Fenstern von zwei bewohnten Gemächern dem Brettergange zur Hintertreppe zu und diese hinab, erstieg auf einem Balken, den er auf seiner ausspähenden Wanderung zu diesem Behufe unbemerkt dahin gebracht hatte, die hohe Hofmauer, schwang sich in die Aeste eines Apfelbaumes, glitt an dessen Stamme zur Erde nieder und eilte so schnell als möglich nun gerade auf der Straße nach Nürnberg fort.
Auch die Zukunft mit klugem Sinne beachtend, und sich auf unerwartete Ereignisse vorsehend, hatte er die wichtigsten Papiere über die Werbeangelegenheit des Officiers zu sich gesteckt. Er war so frech, auf der nächsten Station, die er im eilenden Gange bald erreicht hatte, den Posthalter wecken zu lassen, diesem, unter Vorlegung seiner Papiere, das Geheimniß zu vertrauen, daß er auf der Verfolgung eines mit kaiserlichen Geldern entwichenen Kriegscommissärs begriffen, sein Reitpferd aber eine Meile von da aus Ermattung niedergestürzt, und er dadurch gezwungen worden sei, den Weg hierher in größter Eile zu Fuße zu machen, um mit Extrapost Nürnberg schleunigst erreichen und dort die wirksamsten Anstalten zur Arretirung des Kriegscommissärs treffen zu können. Der Posthalter konnte in seinem Diensteifer nicht eilig genug sein, die wichtige Reise durch sein flüchtiges Gespann zu befördern.
Im Fluge ging es von Station zu Station, ohne nur einigen Aufenthalt in Nürnberg, dem Sachsenlande zu. Als der Postillon der letzten Station an der sächsischen Grenze durch das Schmettern seines Hornes den Beamten und die Diener der Grenzmauth an den Schlagbaum gerufen hatte, sah man sich vergebens nach dem Reisenden um. Lehmann war im letzten Hölzchen leise aus der Postchaise gestiegen und durch Gebüsche, über Felder und Wiesen hin, schon lange auf sächsischem Grunde, als noch immer der Postillon und das Mauthpersonal über dieses sonderbare Verschwinden des Reisenden sich die Köpfe zerbrachen.
Bald trat Lehmann in seiner Nationaltracht als Teppichhändler, als Gauner und Dieb auf, heirathete in Schwaben eine schöne Dirne aus einer Gaunerfamilie, lebte zehn Jahre theils von dem seinem Officiere geraubten Gelde, theils von den Erträgnissen verbrecherischer Thaten, und kaufte sich dann in Schönfeld an, da ihm viele Gauner diesen Ort als vorzüglich geeignet zur Diebshehlerei und zur geheimen Verbindung mit den zahlreichen, größtentheils in jener Gegend umherziehenden Räuberbanden auf das beste empfohlen hatten.
Daß Lehmann schon in seiner Jugend oft viele Monate mit reisenden Zahnärzten und Marktschreiern, die nebst ihren Quacksalbereien das Diebeshandwerk trieben, herumgezogen war, besonders, daß er mit dem Erzgauner Samuel Fritsch, vulgo dem alten Zahnarzt, einem geschickten, aber wegen Liederlichkeit und Veruntreuung aus österreichischen Diensten entlassenen Spitalarzte länger als ein Jahr in vertrautester Gemeinschaft gelebt und von dessen ärztlichem Wissen sich vieles angeeignet hatte, leistete ihm jetzt wesentliche Dienste. Bald hatte er als Arzt das Vertrauen der Schönfelder und der Landleute in weiter Umgebung im höchsten Grade erworben, und es möchte demjenigen recht übel bekommen sein, der ihrem Wunderdoktor nur durch das leiseste Mißtrauen gegen seine gar hochgerühmte Rechtlichkeit verletzt hätte.