Wagt’s, an der Grenze frei herum zu wandeln;

Tausend Zechinen stehn auf seinen Kopf,

In Fiume hängt sein Bildniß an dem Galgen,

Und er lebt hier, als wäre nie sein Dolch

In einem Menschenherzen warm geworden.

Th. Körner.

Unter allen Einwohnern des Dorfes Schönfeld galt der Häusler Lehmann für den frömmsten und thätigsten. Er war erst vor einigen Jahren, nachdem er, ein geborner Tyroler, den größten Theil seines Lebens mit Teppichhandel auf fast immerwährender Reise zugebracht hatte, in Schönfeld durch den Ankauf einer Häuslerwohnung ansässig, und durch Fleiß, Friedfertigkeit und Gottesfurcht bald so beliebt geworden, daß die reichsten Bauern des Ortes und der Umgegend ihn recht gern zum Schwiegersohne gehabt hätten. Aber Lehmann war schon verheirathet und Vater eines zehnjährigen Knaben, der mit seiner Mutter einige Zeit nach des Vaters Ansässigmachung in Schönfeld aus dem fernen Tyrol anlangte.

Daß diese Tyrolerfamilie in mancher Woche mehrere Tage nicht arbeitete, fiel der Gemeinde anfangs auf, wurde aber bald nicht mehr beachtet, als es allgemein bekannt wurde, daß Lehmann durch die Nachwehen seiner als Soldat erhaltenen Wunden oft längere Zeit an das Krankenlager gefesselt und dann immer der sorglichen Pflege seines Weibes und Sohnes höchst bedürftig werde. Auch erregte es im Dorfe anfangs Aufsehen, daß von Zeit zu Zeit, meistens nächtlicher Weile, fremde Leute, Männer, Weiber, junge Bursche und Dirnen in Lehmanns Behausung kamen, sich im Dorfe nicht sehen ließen, und bald wieder verschwanden.

Lehmann, der darüber manches ihm nachtheilige Gerede hörte, vertraute einem Nachbar, wie viele Kenntnisse er im Pflanzenreiche habe, wie er die Heilkräfte der Kräuter und Wurzeln zu benutzen wisse, schon unzähligen Todtkranken zum Lebensretter geworden, weit und breit als ein gar geschickter Arzt bekannt sei, und nun von Alt und Jung aus den fernsten Gegenden um Hilfe angesprochen werde, aber stets im Geheimen, damit die Aufmerksamkeit der Aerzte und Bader nicht erregt, und durch Brotneid ihm kein Hinderniß gemacht werde, den leidenden Menschen zu dienen. Der Nachbar gelobte mit Wort und Hand, Lehmanns vertraute Mittheilung als ein Geheimniß zu bewahren, aber schon in einer Stunde wußten alle Schönfelder, welch ein Wunderdoktor in ihrer Mitte hause. Man wünschte sich Glück zu diesem Mitbewohner, und Lehmanns Wissen und Thätigkeit wurden für Menschen und Thiere in Anspruch genommen.

Hätten die guten Einwohner von Schönfeld nur eine Ahnung gehabt, welch ein liederliches, verderbliches Gesindel die Familie Lehmann sei, so würden sie gewiß deren Ansässigmachung unter sich nicht geduldet haben. Lehmann, in der Nähe von Insbruck auf einem Weiler von liederlichen Eltern erzeugt und zur Gaunerei erzogen, wanderte schon als zwölfjähriger Knabe im Auslande umher, wo er Teppiche verkaufte, durch sein fertiges Zitterspiel und seine Nationalgesänge auf den Schlössern der Edelleute, in Gasthöfen, und besonders unter dem Landvolke sich bis zu seinem achtzehnten Jahre ein mäßiges Kapital erklimpert und ersungen hatte, bei fortschreitender Ausbildung seiner anziehenden Schönheit und rüstigen Gestalt, gerade in der herrlichsten Blüthe des Lebens, von lüsternen Weibern an sinnliche Genüsse gewöhnt, bei seinem arbeitslosen Umherschlendern mit allen, dem Müßiggange folgenden Lastern vertraut und, besonders aus innerer Hinneigung zum Bösen, so nach und nach zum vollkommenen Gauner, Dieb und Räuber sich aufschwang.