Ein hochgewachsener, schöner Mann, den weiten Mantel um sich geschlagen und die Mütze tief in die Stirne gedrückt, trat ein, maß Wirth und Gäste mit einem langen, scharfen Blicke, setzte sich an einen Nebentisch und forderte ein Glas Branntwein. Von der Seite schielten die drei Gäste auf den Fremden hin, und der abgehende Wirth gab ihnen einen bedeutenden Wink.
„Nun, Kamernschen, warum plötzlich so beducht?“[16] — redete sie der Fremde, gleichsam höhnisch lächelnd, an. „Schon von weitem logte ich n’ Hamoren, als schefte ’s Uschbescheder voll Krächlingsfehlinger, und jetzt scheft euch ’s Merkelspiel verstiftelt. Charpenet ihr euch vor meinem Bekan sein?“
Die Männer sahen sich an und schwiegen.
„Nun, bestieb’ ich Tschuve oder lau?“[17] donnerte ihnen der Fremde zu.
„Meint der Herr uns?“ fragte der eine, ihn flüchtig und unfreundlich anschauend.
„Könnt ihr noch fragen? Gegen Leute anderer Art würde ich wohl nicht ’s koschemer Loschem[18] gebrauchen,“ — erwiderte der Fremde in recht verächtlichem Tone.
„Was ihr da gesprochen habt,“ — fuhr ein Anderer auf und maß ihn mit drohenden Blicken — „verstehen wir nicht. Es mag wohl eine recht saubere Sprache sein; wir aber sind ehrliche Leute, die sich damit nicht befassen, und jetzt Euch zur Erklärung Eurer zweideutigen Rede auffordern.“ —
„Armselige Wichte, ihr wollt mir eine Erklärung abfordern?“ sprach der Fremde mit höhnischem Gelächter. — „Leute eueres Gelichters müssen sich geehrt fühlen, wenn ich sie meiner Ansprache würdige.“
Rasch sprangen die Männer auf, und die funkelnden Augen, die wild verzerrten Gesichter und die geballten Fäuste verkündigten den nahen Ausbruch von Thätlichkeiten. Ruhig und fest blickte der Fremde den Ergrimmten entgegen, die der Wirth durch einige, ihnen zugeflüsterte Worte schnell beschwichtigt hatte.
„Wirklich, für Gauner und Buschklepper seht ihr, dem Anzuge nach, zu reputirlich aus,“ — fuhr der Fremde mit kalter Ruhe fort; „aber ihr sollt zur Ueberzeugung kommen, daß ich euch und euer Treiben und Walten besser kenne, als ihr glaubt. Einen wehrlosen Handwerksburschen niederzuschlagen und ihm das Felleisen zu rauben; ein Paar Schafe zu stehlen, in die Fenster eines abgelegenen Hauses zu steigen, worin Niemand als ein krankes Weib und ein Paar Kinder wohnen; im recht dichten Volksgedränge eine Uhr, eine Tabakspfeife, ein Sacktuch zu mausen: das sind die Heldenthaten, deren ihr euch zu rühmen habt. Auf eine höhere Stufe schwang sich bisher Euer Witz und Euer Muth nicht. Wäret Ihr nicht ein gar so erbärmliches Gesindel, ein so feiges Kleeblatt, so wären schon die 3000 Thaler, welche der Müller von Eimbeck vor Kurzem geerbt und in seinem Keller verwahrt hat, bereits in eurer Tasche. Tag und Nacht sinnt Ihr und der armselige Wirth da auf diesen Fang, aber umsonst, denn ein leeres Gehirn und ein jämmerliches Hasenherz müssen nur immer im Staube kriechen.“