Mariane — so hieß sie - war immer heiter, voll guter Einfälle, sehr klug, eine vortreffliche Köchin und so aufmerksam auf ihres Philipps leiseste Wünsche, daß er selbst nun sehr davor bangte, sich von ihr verlassen zu sehen, wenn sie, was wohl nicht leicht verhütet werden konnte, den Schleier seines innern Lebens lüfte und in dem Geliebten einen Verbrecher erblicke.
Mariane fragte den Geliebten nicht, warum er, statt seine Reise nach der oldenburgischen Grenze fortzusetzen, statt dort in einem Städtchen einen angenehmen Aufenthalt sich zu wählen, hier in einem abgelegenen, armseligen Wirthshause verweile, warum Philipp so oft mit Leuten von verdächtigem Aussehen im geheimen Verkehre sei. Sie schien nichts zu beachten, für nichts Sinn zu haben, als für ihr Streben, dem Geliebten, so viel ihr möglich war, das Leben immer in die Rosenfarbe des Frohsinns, der Zufriedenheit, einer ungetrübten Ruhe mit weicher Hand zu kleiden.
Täglich ließ sie das Beste, was man in weiter Umgebung an Wein und Lebensmitteln finden konnte, durch eigene Boten herbeischaffen, bereitete leckere Gerichte und bot alle ihre gute Laune, alles Feuer ihres liebenden Gemüthes auf, das größtentheils einsame Stillleben in dieser wenig besuchten Schenke zu heitern Stunden zu gestalten.
Eines Morgens wurde Lips Tullian von seiner Schlafkammer in die Zechstube gerufen. Bald nach ihm kam auch Mariane herab und hörte von Philipp, daß er auf ein drei Meilen entferntes Dorf gehen werde, um dort einen Landsmann zu sprechen, der eben erst aus Oldenburg angekommen sei und ihm vielleicht einige Neuigkeiten von Bedeutung mittheilen könne.
Mit einem fast schmerzlichen Lächeln hörte ihn Mariane an, faßte seine Hand und bat ihn mit wehmüthiger Innigkeit, für sich recht aufmerksame Sorge zu tragen.
Das Auge voll Thränen, eilte sie fort. Befremdet blickte ihr Lips Tullian nach und in tiefem Nachdenken ging er an der Seite seines Gefährten hin.
Es war schon Nacht und er kehrte noch immer nicht zurück. Aengstlich harrend, die Trostworte der Wirthsleute nicht achtend, saß Mariane in der gästelosen Zechstube und blickte unter fallenden Thränen in die dunkle Nacht hinaus.
Der Hofhund schlug an, Tritte wurden hörbar und rasch ergriff sie das Licht, dem sehnsüchtig Erwarteten entgegen eilend. Sie öffnete die Hausthüre, sie starrte mit einem Schrei des Schreckens zurück; der Geliebte leichenblaß, ein blutiges Tuch um den Kopf, wankte am Arme seines Begleiters in das Haus. Mariane ergoß sich nicht in leere Klagen; mit Entschlossenheit und regem Eifer machte sie Anstalt, daß der Verwundete schnell auf seine Kammer und in das Bett gebracht wurde. Sie bat den Wirth, einen Boten nach dem nächsten Wundarzt zu schicken und verhieß die reichlichste Belohnung.
„Das wollen wir unterlassen, und zwar aus recht guten Gründen;“ — sagte der Wirth mit kaltem Gleichmuthe: — „Es wird nur so ein Fleischpuffer sein und den weiß meine Frau vielleicht besser zu behandeln, als ein Wundarzt. Sie hat sich in derlei Heilung recht tüchtig eingeschossen, und ich höre sie schon die Treppe herauf klappern. Gleich werden wir hören, was an der Sache ist.“
In diesem Augenblick trat die Wirthin in die Kammer, nahm Lips Tullian das blutige Tuch ab, wusch die Wunden aus, untersuchte sie genau und erklärte, daß keine gefährlich und dessen Blässe und Schwäche nur die Folge des Blutverlustes und des langen Ganges sei. Mit weicher, geübter Hand legte sie einen Verband auf und versprach sich von dem Schlafe, in welchen Lips Tullian während ihrer wundärztlichen Behandlung versank, die günstigste Wirkung. Sie ermahnte nun Alle, sich zu entfernen; Mariane erklärte, am Lager des Verwundeten zu wachen.