Schon nach einigen Tagen war Lips Tullian wieder hergestellt, doch sehr entkräftet. Auf die innig besorgte, jeden seiner Athemzüge belauschende Freundin sich stützend, ging er in’s Freie. Seine Stimmung war die eines Mannes, dessen Inneres von einem Geheimnisse unruhig bewegt wird, der nur durch Mittheilung dieses Geheimnisses wieder Ruhe finden kann und doch vor der Mittheilung bangt. In tiefem Schweigen und Sinnen vor sich hinstarrend, ging er an Marianens Arme langsam dem Gebüsche zu, wo er auf weichem Rasen, von lieblicher Kühle umflossen, sich mit ihr niederließ.

Da begann Mariane mit sanfter Stimme: „Ich weiß, was Dein Inneres so heftig beunruhigt; ich weiß, daß Du nicht der bist, als welcher Du früher mir entgegentratest. Klar wie eine ungetrübte Spiegelfläche ist mir Dein inneres und äußeres Sein. Offen gestehe ich Dir, daß Schrecken und Grauen mit kalter, tief verletzender Hand mich rüttelten, als die Nebelwolke, welche die Wahrheit Deines Lebens so dicht umhüllte, vor meinem scharfen, tief dringenden Auge zu zerfließen begann und die nackte, furchtbare Wahrheit mich anstarrte; aber eben so offen sei Dir gestanden, daß meine Liebe zu Dir zu innig, zu unerschütterlich ist, um vor dieser gräßlichen Wahrheit zu fliehen. Ist es Dir möglich, den Pfad, den Du wandelst, zu verlassen, so werde ich täglich auf meinen Knieen und mit Thränen der süßesten Wonne dem Allmächtigen dafür danken; stehet es aber im Buche Deines Schicksals mit unzerstörbarer Schrift geschrieben, dieser Pfad müsse von Dir fortgewandelt werden, so kann mich nichts von Dir losreißen, und bis an den letzten Hauch ihres Lebens wird Deine treue, liebende Mariane Dir zur Seite sein!“

Lips Tullian glaubte zu träumen, als er solche Worte hörte. Es war ihm kein Zweifel mehr, daß Mariane mit seinen wahren Verhältnissen vertraut sei; sie selbst hatte ihn über die gefürchtete Stelle der Enthüllung seines Geheimnisses mit freundlicher Hand schnell und wohlthuend hinweg geleitet, und diese Sprache gab ihm die beglückende Ueberzeugung, daß die Liebe Mariane mit dem Muthe begeistert, ruhig und fest an der Hand eines Mannes zu wandeln, dessen Liebe nicht die Gefahren, nicht die Anstrengungen, nicht die grauenvolle Zukunft überwiegen könne, von denen sie sich nun an seiner Seite bei jedem Athemzuge umkreiset sah. Er fühlte sich so sonderbar ergriffen, daß er keine Worte hatte, sie aber mit Blicken betrachtete, aus welchen ihr seine Ueberraschung, seine Freude, sein Dank im freundlichsten Lichte entgegen schimmerten.

Frau Bieberich hatte mit ihrem Pseudogesellen Philipp seit dem Augenblicke, wo er ihr das oldenburgische Mährchen zum Besten gab, in dem allervertrautesten Verhältnisse gelebt. In einer schlaflosen Nacht sah sie aus dem Fenster, hörte die Hausthüre leise öffnen und sah eine dunkle Gestalt mit stillen, flüchtigen Schritten dahin eilen. Das konnte Niemand anders als Philipp sein, denn außer ihm, ihr und einer Magd hatte sie gerade jetzt keine Einwohner im ganzen Hause, und der Geselle lag schon einige Tage krank.

Die Furie der Eifersucht ergriff sie mit ihrer Schlangenfaust, aber selbst unter den schrecklichsten Qualen dieser Empfindung blieb die starke Frau an den folgenden Tagen in ihrem bisherigen Benehmen gegen Philipp sich ganz gleich; sie wollte den Treulosen in den Armen ihrer Nebenbuhlerin überraschen und sich dann furchtbar rächen. Jede Nacht lag sie am Fenster in männlicher, dunkler Kleidung, ein scharfes Messer in der Brusttasche.

So hatte sie einige Nächte geharret, als um Mitternacht die Gestalt sich wieder aus dem Hause schlich. Auch sie war im Augenblicke auf der Straße und folgte dem Dahinschreitendem so leise und vorsichtig, daß er keinen Späher vermuthete.

Philipp, den sie bei der Biegung um eine Ecke, wo das Licht einer Laterne sein Gesicht beleuchtete, deutlich erkannt hatte, wurde in der Nähe einer Kirche von zwei Männern empfangen, mit denen er sich, so rasch und aufmerksam Mariane ihm gefolgt war, plötzlich verlor.

So ging es noch öfters, und jederzeit an einer Kirche war er ihren scharfen Blicken wie verschwunden.

Sie selbst, um dem Geliebten jede Bequemlichkeit zu bereiten, besorgte sein Wohnzimmer. Eines Morgens, als Philipp eben in dem Scheingeschäfte seiner Werkführerstelle ausgegangen und Mariane mit der Reinigung seines Wohnzimmers beschäftigt war, bemerkte sie, daß am Schlosse des Faches, worin er sein Geld und sein Bestes bewahrte, der Schlüssel stecke. Im Augenblicke kam ihr der Gedanke, dieses Fach genau zu durchsuchen, ob es nicht Briefe von irgend einer Nebenbuhlerin enthalte. Sie fand keine Briefe, wohl aber Stücke Gold, Silber, mehrere gute Steine und noch Manches, was deutliche Spuren trug, einer Kirche angehört zu haben.