Das schon länger umlaufende Gerücht von bedeutendem Kirchenraube, Philipps Ausgehen in tiefer Nacht, seine Zusammenkünfte, sein Verschwinden in der Nähe von Kirchen und diese Trümmer von kostbaren Kirchengeräthen — alles, alles war inhaltreich, war bezeichnend genug, um durch dieses die bis zur Ueberzeugung rasch sich gestaltende Vermuthung zu erregen: Philipp sei mit einer Räuberbande verbrüdert.

In der Folge fand sie in diesem Fache mittelst eines Nachschlüssels, den sie aus Neugierde sich verschaffte, Gold und Silberzeug mit gräflichem Wappen, das Portrait einer Dame in Brillanten gefaßt, werthvolle Hals- und Armbänder, mehrere Ringe mit Edelsteinen und erkannte unter diesen Gegenständen so manche als jene, die in dem öffentlichen Verzeichnisse der aus den gräflichen Palästen und den Kaufgewölben geraubten Gegenstände sehr kennbar bezeichnet waren.

War auch das innere und äußere Leben dieser Frau seit früher Jugend nicht ein Gebilde der reinsten Tugend, der unentweihtesten Sittlichkeit, des edelsten Zartsinnes, so hatte sie doch immer so gelebt, daß sie auf die Achtung, auf das Vertrauen guter Menschen Ansprüche machen durfte. Nie hatte sie sich den leisesten Wunsch nach ungerechtem Besitze fremden Eigenthums erlaubt; sie haßte nichts so sehr, als die Bevortheilung, die Beeinträchtigung eines Menschen, und durch sie war manche gewissenlose Rechnung ihres geldsüchtigen Gatten ausgeglichen.

Und diese Frau beherrschte so schnell ihr Erschrecken, ihren Abscheu, alle die schwer verletzten Empfindungen, welche sie bei der Ueberzeugung, Lips Tullian sei ein Räuber, schauderhaft ergriffen hatten. Nur Eine qualvolle Stunde bereitete ihr diese Ueberzeugung. Die Gegenwart mit dem schrecklichen Gefühle der tiefsten Selbsterniedrigung der verlornen Ehre, des sündhaften Vereines mit einem Diebe, mit einem Kirchenräuber, die Zukunft mit dem gräßlichen Bilde dieses Verbrechers im unterirdischen Gefängnisse, in klirrenden Ketten, auf dem Blutgerüste versanken immer tiefer in den Wogen ihrer unbezähmbaren Leidenschaft für diesen Mann, für den ihr ganzes Wesen zu einer unzerstörbaren Flamme der allerheftigsten Neigung geworden war.

Lips Tullians längerer Aufenthalt in dieser einsamen Grenzherberge, sein geheimnisvolles Treiben mit Leuten von verdächtigem Aussehen, ihre auffallend fremdartige Sprache, die Verwunderung und der Bündel mit Geld, silbernen Löffeln, Hutschnallen und einer goldnen Uhr, den Mariane in Philipps Rocktasche fand, sagten ihr zur Genüge, wie sehr Philipp das in Prag geübte Handwerk auch hier übe.

Und doch schauderte sie nicht zurück. Die Unglückliche war taub für jeden Zuruf des Gewissens, der Tugend, der Menschenwürde; sie hörte nur die Sirenentöne der Leidenschaft, der Sinnlichkeit, und, alles Bessere in sich zerbrechend, nicht vor den dunkeln Windungen der Zukunft bangend, gab sie sich mit entzügeltem Gemüthe dem wilden Strome ihrer Leidenschaft hin.

Lips Tullian, der mit einer wirklich sehr heftigen Neigung an dieser Frau hing, war nun unbeschreiblich glücklich, sie in sein Geheimniß eingeweihet und ihre Liebe zu ihm so tief gewurzelt zu sehen. Nun hielt ihn nichts mehr in dieser Gegend fest, um so mehr als Hentzschel und Lehmann von ihrem Kundschaftszuge nach Sachsen mit sehr günstigen Nachrichten zurückgekehrt waren. Sarbergs künstliche Feder und Siegelfabrikation wurden wieder in Anspruch genommen. Ein Paß, ein Trauschein gingen aus seiner betrügerischen Hand hervor, und als ein ehrbarer Bandkrämer mit seiner eben so ehrbaren Ehefrau zog Lips Tullian in das Sachsenland. —

XX.
Der Raub des Brautschatzes der jungen Gräfin von Beuchling.

So oft er einen Schatz erspähte, wie flammte