Und trau’ auf Gott, die Liebe wird dich retten.
Th. Körner.
Im grauen Zuchtkittel, das Haar geschoren, mit einer langen Kette an einen Karren geschlossen, zog Philipp am ersten Morgen nach seiner Ankunft in den Festungsgefängnissen von Dresden mit zahlreicher Umgebung zur Schanzarbeit aus.
Von dem höchsten Grimme über seine Gefangenschaft beherrscht, nur auf Befreiung sinnend, keinen seiner Mitgefangenen beachtend, im wilden Brüten auf seine Arbeit hinstarrend, hatte er einige Stunden Steine geschleppt, als der Tambour der Militärbedeckung die Trommel rührte. Es war das Zeichen, daß alle Baugefangenen einige Zeit, so lange es dem Oberprofosen gefällig war, ausruhen, auch von dem Gelde, welches sie von mitleidigen Menschen zum Geschenk erhielten, sich Brod kaufen durften, womit zu dieser Stunde sich immer einige Weiber aus den Vorstädten einfanden.
Lips Tullian kannte diesen Gebrauch noch nicht, arbeitete fort und wurde durch einige derbe Hiebe eines Steckenknechts, der dieses Fortarbeiten für Trotz hielt, recht angenehm zum Ausruhen eingeladen. Vor Wuth knirschend warf er sich an seinen Karren nieder und drückte das glühende Gesicht in die gekreuzten Arme.
Kettengeklirre nahete sich ihm, er wurde leise an der Schulter gerüttelt: unverändert blieb er in seiner Lage. Es flüsterte ihm jemand in die Ohren: „Makerst Du Deine Keffer-Freier lau mehr?“[30]
Die Stimme schien ihm zu bekannt, die Anrede zu wichtig, um länger seinem Starrsinne sich hinzugeben. Er blickte auf, und hätte beinahe vor Ueberraschung laut aufgeschrien: — Sarberg, Eckold, Hentzschel, Schöneck, Lehmann und Schickel saßen um ihn her, an ihrem Brode kauend, und nach einem langen, bedeutenden Blicke wieder ruhig fort essend, ohne durch Wort oder Miene sich als seine Bekannten verrathend. Sarberg saß ihm am nächsten. Als die Trommel das Zeichen zur Fortsetzung der Arbeit gab, flüsterte ihm dieser zu, so nahe als möglich an seiner Seite zu karren. — Lips Tullian that es.
In den Augenblicken, wo die Wache oder die Steckerknechte fern genug waren, um unbelauscht sprechen zu können, erzählte Sarberg, daß er mit den übrigen Anführern in einem vertrauten Wirthshause zur Berathung wegen einiger bedeutenden Einbrüche sich eingefunden habe, daß mitten in der Nacht das Wirthshaus von einem zahlreichen Streifzuge sei umringt, und der Wirth mit allen seinen Leuten, wie auch mit seinen Gästen nach Leipzig gebracht worden. Ihn, Sarberg, habe man nebst seinen Kameraden hierher geliefert, um ein Jahr zu schanzen, da sie so glücklich gewesen, sich von irgend einer Verbindung mit der schwarzen Garde wegzuleugnen, und nur als verdächtige Leute zu einjähriger Schanzarbeit verurtheilt worden zu sein.
Am Schlusse der Erzählung gab ihm Sarberg die angenehme Nachricht, daß er mit ihm und den übrigen Freunden das nämliche Gefängniß bewohne, daß Lips Tullian schon gestern Abend, bei seinem Eintritte in den Kerker von ihnen erkannt, aber dieses Erkennen auch nicht durch ein Wort oder ein Zeichen angedeutet worden sei, indem noch einige Baugefangene in eben diesem Gefängnisse schlafen, welchen man nicht trauen dürfe.
Lips Tullian hatte genug gehört. Die Nähe solch’ muthiger und unternehmender Freunde gab ihm Hoffnung, bald seine Fessel los zu werden. Schon nach einigen Tagen wurden die ihm und seinen Kameraden verdächtigen Mitgefangenen vom Festungsbau entlassen, und die Vertrauten waren nun allein in ihrem Gefängnisse zusammen.