Fruchtlos hatten sie Nächte hindurch sich über ihre Befreiung berathen, aber noch immer leuchtete ihnen nicht der geringste Schimmer der Möglichkeit einer Befreiung. Zum Ausbrechen fehlten ihnen Werkzeuge, und am Entrinnen während der Schanzarbeit hinderte sie die zahlreiche Militärwache, die strenge Aufmerksamkeit der Steckenknechte, und die Schwere und Stärke ihrer Ketten.

Zur gewöhnlichen Ruhezeit saß Lips Tullian eines Tages, von den Uebrigen abgesondert, auf seinem umgestürzten Karren und blickte sehnsüchtig nach einer Brodverkäuferin umher, da er äußerst hungrig und durch so eben empfangene milde Gabe in der glücklichen Lage war, sich nach langer Zeit wieder einmal satt essen zu können.

Ein altes Weib in zerlumptem Anzuge, das Gesicht beinahe bis an die Augen mit einem Tuche verhüllt, humpelte an einem Krückenstocke auf ihn zu, und bot ihm Brod an. Lips Tullian kaufte. Er reichte der Alten das Geld. Sie stieß an seine Hand, das Geld fiel zur Erde, und während beide sich darnach bückten, flüsterte das ihm zu: „In dem Brode mit einem eingeschnittenen Kreuze findest Du einen Zettel. Ich bin Mariane!“ —

Das Weib humpelte fort. Sprachlos starrte Lips Tullian ihr nach. Er hätte beinahe laut aufgejauchzt, und seinen Freunden das Wort Freiheit mit weit schallender Stimme zugerufen. Wo Mariane war, da war auch die Freiheit nicht mehr fern; er kannte die Stärke ihrer Liebe, ihren Muth, ihre Schlauheit, ihren Eifer. Wie vor Freude trunken jubelte er laut, als die Trommel zur Arbeit rief, lachte dem schlagfertig gehobenen Arme des Steckenknechts in wilder Freude entgegen, und hatte seinen Hunger und sein Elend vergessen.

Es war gerade Samstag, wo immer die Baugefangenen um zwei Stunden früher von der Arbeit entlassen wurden. Lips Tullian konnte den Augenblick seines Eintrittes in den Kerker nicht erwarten, da es ihm erst hier möglich war, das bezeichnete Brod zu erbrechen und den Zettel zu lesen.

Die Räuber als Baugefangene.

[❏
GRÖSSERES BILD]

Er that es mit Hast, und bei dem wenigen Lichte, was nur durch eine kleine, dicht vergitterte Oeffnung in den Kerker fiel, las er mit Mühe: „Auf dem Platze, wo Ihr gegenwärtig arbeitet, steht in einem Winkel der Strunk eines alten Baumes. In seiner Höhlung dicht an der Erde findest Du eine feine Säge und ein Stück Bindfaden. Mit der Säge durcharbeitest Du in der nächsten Nacht ein Paar Eisenstangen Deines Fenstergitters. Sobald die Festungsuhr die zehnte Stunde schlägt, lässest Du den Bindfaden herab, woran ich zwei Brechstangen und eine Strickleiter befestige. In längstens zwei Stunden habt Ihr die Fensteröffnung hinlänglich erweitert, um Euch durchdrängen zu können. Am Fuße der Leiter harre ich Euer, um Euch in Sicherheit zu bringen.“ —

[30] Kennst Du Deine Vertrauten nicht mehr? —