Es hatte sich am 20. September 1710 über Pirna und dessen Umgebungen von Westen und Süden im langsam schauerlichen Zuge ein Gewitter ausgebreitet, das in der dritten Nachmittagsstunde die Himmelsdecke zur nächtlich dunkeln, grauenvollen Wölbung gestaltete. Die Hitze war so schwül wie im heißesten Sommertage, die Blätter der Bäume und Sträucher, von keinem Lüftchen bewegt, hingen schlaff darnieder, Thiere und Pflanzen lechzten nach Erquickung, und mit scheuen Blicken sahen die Menschen, aus Furcht vor der drohenden Gefahr von ihren Beschäftigungen und Feldarbeiten in ihre Behausungen zurückgekehrt, dem unheilgebärenden Wolkenzuge entgegen. Das Gewitter brach aus mit aller seiner Furchtbarkeit. Der Himmel ward zum Feuermeer, und die Erde erbebte unter dem entsetzlichen Geprassel der betäubenden Donnerschläge.
Des Allmächtigen Vaterhand hatte in diesen grauenvollen Stunden schützend über seinen zitternden Kindern geschwebt. Verbleicht waren die Blitze, verhallt die Donner, aber die furchtbarschöne Naturerscheinung hatte sich nicht in jene liebliche Kühle und in das freundlich-beleuchtende Licht aufgelöst, die fast immer dem heftigsten Gewitter folgen, und in die freier sich hebende Brust des Menschen ein so angenehmes Gefühl ausgießen; der Regen fiel strömend nieder, der Sturm heulte durch die Lüfte und mit dem schon frühe eingebrochenen Abend hatte sich tiefe Finsterniß über die Erde gelagert.
Prasselnd schlugen Regenschauer an die hohen Fenster des in der Nähe von Pirna einsam gelegenen Forsthauses, genannt zur rothen Buche, und krachend beugte sich die riesige Hoflinde unter des Sturmes gewaltiger Wucht. Aber im Forsthause waltete eine recht gemüthliche Ruhe. Im bequemen Schlafrocke, die Federmütze auf dem ehrwürdigen, silbergrau und spärlich behaarten Haupte, und aus der großen Meerschaumpfeife mit dem langen Weichselrohre recht behaglich schmauchend, saß der Förster Krause vor einem alten Historienbuche, dessen anmuthige und verschiedenartige Darstellungen ihn nach vollbrachten Berufsgeschäften an unfreundlichen Abenden gar herrlich vergnügten. Fast unwillig schaute er von Zeit zu Zeit nach der Thüre des Nebenzimmers, ob sie sich denn noch nicht öffne, und Elisabeth, seine liebe, traute Ehefrau, zu ihm hereintrete, auf daß sie sich mit ihrem Strickstrumpfe ihm gegenüber setze, und die anmuthigen Historien mit anhöre, wo er dann, so viel in seinem Wissen lag, sich über die, der aufmerksamen Zuhörerin fremdartigen Worte, wie auch sonst ihr unbekannte Stellen erklärend aussprach, und zwar mit einem etwas stolzen Gefühle seiner Gelehrsamkeit und seiner Erfahrungen. Jetzt kam Frau Elisabeth in die Wohnstube zurück, nahm den gewohnten Platz ein, und während sie mit gewandten Fingern ihr Strickzeug handhabte, fuhr Förster Krause in seiner unterbrochenen Vorlesung also fort:
„Idem in dem Jahre 1400. 1431. 1432. 33. und 37. hat die Elbe einen Theil an der Steinern Brucken verderbt. Anno 1429 haben die Hussiten alt Dresden abgebrand, nach dem sie den Ort zuvor geplündert: seyn auch Anno 1430 wieder hieher kommen. Anno 1477 ward das erste Stuck Geschütz alda gegossen in der Vorstatt, und nach Quedlinburg geführt, Anno 1491 ist die halbe Statt, wie auch die Vorstatt vor dem Pirnischen Thore, verbronnen. Anno 1547 hat Churfürst Johan Friederich zu Sachsen, weilen seyn Vetter, Herzog Moritz, es mit dem Keyser gehalten, alt Dresden ausgeplündert, vn nev Dresden beschossen; folgends ward die Bruck von jhme Mauritio fester gemacht. Anno 1580 ist das Geistliche Consistorium von Meissen auff Dresden gelegt worden. Anno 1588 hat man allhie Musterung gehalten, vnd 1466 Männer, vn zwar in alt Dresden 421, in new Dresden 1045 gefunden. Anno 1617 seyn der Keyser Matthias, König Ferdinand in Böheimb, Ertzherzog Maximilian zu Oestereich, vnd der Cardinal Clesel, allhie gewesen, deren Potentaten, ausser deß Herren Churfürsten zu Sachsen, als deß Herren Wirths dieser Ansehenlichen Herren Gäste, keiner mehr im Leben ist. Anno 1643 wurden dieser Statt die nothwendige Lebens-Mittel, wegen der Schwedischen vbel hausens, fast gar entzogen, also daß sie in 8 Wochen kein Pfund Fleisch in den Fleischbänken haben können. Daher dan die Churfürstliche Hofstatt nothwendig enger eingezogen werden müssen. Tom. 5. Th. Eur. fol. 62. a. Anno 44 ließ sich ein Scharpffrichter allhie für einen Einspanninger gebrauchen, welcher mit seines Wachtmeisters Weib vngebühr getrieben, darüber sie vom Manne erdapt vnd das Weib gleich nidergemacht worden, der Henker aber ist von einem Fenster 3 Stockwerk hoch herunder gesprungen, gleichwohl gefänglich eingezogen worden. Auff 3 Stund von Dreßden hat ein Geistlicher, vielmehr Gottloser Mann, mit einer Magt im Stall Vnzucht getrieben, vnd dieweil eine andere Magt darzu kommen, hat er sie mit einer Mistgabel erschlagen; ist aber nach Dreßden geführt worden. — Idem hat sich eodem anno der Lieutnant im hoch preißlichen Granatierbatailion von Menkwitz auf gräuliche Weise mittelst einer Pistole selbst entleibtet, eben auf sodanne Art“ —
„Ach, lieber Max“ — unterbrach hier Frau Elisabeth den eifrigen Vorleser, und zog ihm sanft das Historienbuch hinweg — „ich bitte dich um Alles, dergleichen grauenvolle Geschichten mir nicht mehr mitzutheilen. Seit dem Augenblicke, als ich die Leiche unseres Hegereiters mit der zerschmetterten Hirnschale sah, faßt mich immer ein gewaltiger Schrecken, so oft ich von einem Selbstmörder höre. Eine solche Erzählung macht mir die Nacht schlaflos, und ungeachtet du mich im Laufe unserer dreißigjährigen Ehe immer als ein muthiges Weib wirst gefunden haben, so bin ich doch durch jenen Anblick, und durch den Gedanken an so manchen Mord, der seit einiger Zeit in unserer Gegend von dem fremden Raub- und Blutgesindel begangen wurde, so eingeschüchtert worden, daß, so oft ich jetzt in der Nähe einen Schuß höre, mich“ —
In diesem Augenblicke fielen ganz nahe zwei Schüsse. Erbleichend sank Frau Elisabeth in den Stuhl zurück, während Förster Krause raschen Trittes auf die Hausflur eilte und auf waidmännische Art einen gellenden Pfiff that.
Fast eine Todtenstille hatte bisher im Forsthause geherrscht, jetzt wurde es tumultuarisch lebendig. Aus den Stuben des Erdgeschosses stürzten Jägerbursche, Knechte und Mägde hervor, wohl kennend die Bedeutung dieses gellenden Rufes, der nur bei wichtigen Vorfällen Statt fand, und der Befehle des geliebten Dienstherrn mit der Treue regem Eifer gewärtig. — „Es sind zwei Schüsse gefallen, dicht am Hofthore,“ — sprach der Förster zur neugierig horchenden Umgebung, „Du, Franz, nimmst Doppelbüchse und Hirschfänger, öffnest leise das Gartenpförtchen, und lauschest dort. Was Du gesehen, wirst Du mir schleunigst melden. Ihr übrigen Jäger nehmt eure Gewehre und tretet vor das Haus, die Knechte machen den Hofhund und die Saufänger los, und erwarten meine weiteren Befehle. Alles geschehe mit Ruhe und Besonnenheit. Soll sich das umherstreifende Raubgesindel auf meine Habe Rechnung gemacht haben, so wollen wir es mit Fassung und Kraft empfangen, waren aber diese zwei Schüsse vielleicht nur Nothsignale, so soll man uns zur Hilfe bereit finden!“ — Es geschah, wie Förster Krause gebot, der selbst sich schnell bewaffnete, um im Falle der Noth der Anführer seiner muthigen Hausgenossen zu werden.
Franz kehrte mit der Meldung zurück, daß drei Reiter vor dem Hofthore halten, daß der eine davon entsetzlich fluche und daß die weißen, durch das Dunkel schimmernden Mantel und das Klirren der Waffen die Fremden als Kriegsmänner ankündige. Krause gebot, ein Paar Kienfackeln anzuzünden und sogleich das Thor zu öffnen. Die Männer ritten ein. Unter den heftigsten Verwünschungen der Dunkelheit, des strömenden Regens, des brausenden Windes, schwang sich der vordere Reiter vom triefenden Rosse, schritt mit schnellen, trotzigen Schritten in die Hausflur und schnaubte dem Förster mit wilden Blicken die Frage entgegen, warum man ihm und seinen Begleitern, ungeachtet eines so lange währenden Pochens und Rufens, nicht Einlaß gegeben und diesem Hundewetter so lange ausgesetzt habe, bis er gezwungen gewesen sei, seine Nähe durch Pistolenschüsse anzukündigen. Des Försters einfache Hinweisung auf die Unmöglichkeit, bei dem heftigen Getöse des Sturmes und der Regengüsse ein Pochen oder Rufen am fernen Hofthore hören zu können, würde den Ungestümen wohl schwerlich beschwichtigt haben, hätte nicht die nun wieder ermuthigte Frau Elisabeth ihn durch die freundlichste Gutmüthigkeit, mit welcher sie ein gutes Abendbrot, alten Wein, ein recht weiches Bett und jede mögliche Bequemlichkeit versprach, kirre zu machen gewußt. Schnell war der Zürnende mit allen Unannehmlichkeiten dieses Tages versöhnt, und als er, durch die geschäftigen Hände eines Jägerburschen vom regenschweren Mantel befreit, in die reinliche, angenehm warme Wohnstube trat und Förster Krause selbst, ein inniger Freund der Soldadeska, seinem Gaste mit einem bequemen Nachtanzuge und der Bitte, sich hier wie im eignen Hause anzusehen, entgegen kam, da betheuerte der Kriegsmann, der Dunkelheit dieses Abends recht große Verpflichtungen zu haben, daß sie ihn von der rechten Straße hinweg und über Flur und Wiese in ein Haus geführt habe, wo solch’ ein treues, freundliches Soldatenherz schlage.
Nach wohlthuendem Vertausche der durchnäßten Bekleidung mit einem recht gemächlichen Hausanzuge des Försters, setzte sich nun Herr Justus Hilmer zum Genusse des Abendbrotes nieder, das, ungeachtet das Försterpaar wie auch die Dienerschaft schon vor einer Stunde zu Nacht gegessen hatte, so schnell und so reichlich dem Gaste vorgesetzt wurde, als hätte man seiner Ankunft entgegen gesehen. Auch die beiden Dragoner erhielten in der Jägerstube ein Abendessen und solch eine freundliche, aufmerksame Bewirthung, wie es ihnen in ihrem genußarmen Reiterleben wohl nicht zu oft zu Theil geworden sein mochte.