Herr Justus Hilmer war der gewaltige und gefürchtete Oberprofos der Vestung zu Dresden. Mit einer Riesengestalt, einem scharfen, feurigen Blicke und einer stolzen, tiefernsten Haltung vereinte er Muth und Klugheit.
Die Verwegensten der Baugefangenen, durch Drang nach Freiheit, durch Verzweiflung über ihre Lage oft zu den kühnsten Empörungen, zu den gewaltsamsten Angriffen gegen die Militairwache und gegen die Steckenknechte[31] hingerissen, sanken bis zur sclavischen Unterwürfigkeit bei dem Erscheinen des gefürchteten Oberprofosen, und den Listigsten und Hartnäckigsten, die Herr Johann Ephraim Zopf, der vielerfahrene und verfängliche Festungs-Auditeur, mit allen seinen Subtilitäten, oft selbst durch die Folter, nicht zum Geständniß so mancher Uebelthat zu bringen vermochte, wußte der schlaue Hilmer, den tiefen, zurückschreckenden Ernst in einen herzlichen, vertraulichen, das Gemüth erschließenden Ton umwandeln, im ganz schlichten Geplauder oft so Manches zu entlocken, was der Verbrecher in das Tiefste seines Innern für dieses Leben zu vergraben sich selbst so heilig gelobt hatte. Der Name des Oberprofos Hilmer war im ganzen Sachsenlande bekannt, ein Schrecken für Räuberbanden und ein Gegenstand der Ermuthigung und des Vertrauens für Adelige, Gutsbesitzer, Bürger und Landleute; denn früherhin, ehe Hilmer zu dieser Stelle befördert worden, war er als Criminaldiener verschiedener sächsischer Justizämter bei jedem Streifzuge, bei jedem Angriffe gegen einzelne Räuber wie gegen ganze Banden immer an der Spitze, und wo der muthige, kraftvolle Hilmer sich zeigte, da war auf der Seite seiner Parthei der Sieg, auf der der Gegner die Niederlage, dabei meistens Gefangenschaft oder Tod, da er dem geschlagenen Feinde fast nie Zeit ließ, sich durch die Flucht zu retten. Auch jetzt noch, da er zur Stelle eines Festungs-Oberprofosen aus Anerkennung seiner viel und erfolgreich geleisteten Dienste für die öffentliche Sicherheit befördert worden, wurde er zu Unternehmungen gebraucht, wo nur von dem persönlichen Muthe und der Klugheit des Anführers günstige Resultate erwartet werden konnten.
Als der Oberprofos seinem gastfreundlichen Wirthe sich genannt hatte, betheuerte Förster Krause, daß heute seinem Hause Heil wiederfahren sei, denn auch Krause mit seinem nicht unbedeutenden Vermögen stand als gute sichere Beute auf der Liste einer zahlreichen, verwegenen Räuberbande, die einige Jahre vorher die Umgebungen von Pirna höchst unsicher gemacht, aber durch Hilmers Muth und Rastlosigkeit ihr Grab im Zuchthause und auf dem Rabensteine gefunden hatte.
Herr Justus Hilmer hatte sich an dem leckern und reichlichen Abendbrote herrlich gelabt. Jetzt kam die Reihe an die Flasche und Wirth und Gast ließen sich den alten feurigen Wein recht wohl munden; auch Frau Elisabeth durfte nicht versagen und es wurde manches Gläschen auf dieses und jenes Wohl geleert.
Nachdem Hilmer erzählt hatte, daß er von Königstein komme, wohin er mit seinem Reitergeleite drei wichtige Staatsverbrecher zur lebenslänglichen, strengen Haft abgeliefert habe, und auf der Rückkehr nach Dresden begriffen sei, kam die Sprache auf die unterirdischen Gefängnisse dieses als unbezwingbar berühmten Felsenschlosses, wovon unter dem Landvolke gar sonderbare Gerüchte im Umlaufe seien. — „Ich habe nicht Zeit und Gelegenheit gehabt, die Königsteiner Gefängnisse zu besehen“ — begann jetzt der Oberprofos mit wichtiger Miene, und stopfte sich ganz langsam eine Pfeife — „aber ich wette meinen stattlichen Meklenburger gegen eine polnische Krabbe, daß jene Gefängnisse noch Lusthäuser sind gegen die, in welchen ich theils die verwegensten, theils die gravirtesten meiner Baugefangenen verwahre. Alle die gottlosen Bursche wurden, wie Euch, mein sehr werther Freund, bekannt sein mag, in frühern Zeiten im Raths-Stockhause auf der Frohngasse verwahrt, wo sie des Morgens, wie eine Schafheerde, aus ihren Löchern hervorgetrieben, und ad opera publica, das heißt zum Straßenkehren, Steinführen, Kalktragen u. s. w. verwendet wurden. Das Rathsstockhaus ist ein uraltes Gebäude, woran die Zeit mit scharfem Zahne genagt hat. Es hielt nicht schwer, die morschen Mauern zu durchbrechen, und so gelang es in einigen Jahren vielen der Inhaftirten, zu entspringen. Die allergnädigste Landesregierung konnte nicht länger zusehen, daß so viele räudige Schafe sich zum Verderben der Guten eigenmächtig die Freiheit verschafften. Es wurde daher allerhöchsten Ortes beschlossen, die Gefangenen aus dem Raths-Stockhause in die auf der Festung hinter dem Zeughause befindliche Salomons-Bastei zu versetzen, nachdem unter selbiger gewölbte Kerker angelegt worden, die da heißen: — das Salomons-Gefängniß, das Kupfergewölbe, der Baumann und die Mohrenkammer; ferner wurden drei besondere Gefängnisse erbauet, die, in der Mitte von Gewölben, für sich wie ein eigenes Gewölbe stehen und umgangen werden können. Auch unter dem Wilsdrufer Thore haben wir drei Gefängnisse. Alle diese Kerker sind tief unter der Erde. Im Kupfergewölbe, in der Mohrenkammer, wo die zur lebenslänglichen Haft Condemnirten verwahrt wurden, herrscht ewige Finsterniß; nur von dem Lampenlichte meiner Knechte werden sie, wenn man den Gefangenen das Essen reicht, oder diese ihre grauenvolle Hölle reinigen müssen, spärlich erleuchtet. Glücklich diejenigen dagegen, die andere Gefängnisse bewohnen und zur Arbeit verwendet werden. Sie werden doch an das helle Tageslicht, in die frische Luft geführt, während jene nicht Tag, nicht Nacht unterscheiden können, und von der langen Weile, von den vielfüßigen Plageteufeln, von der verpesteten Kerkerluft und von den unaufhörlichen Schmerzen, die ihnen der Druck und die Schwere des Halseisens, des Leibringes und der Hand- und Fußketten verursachen, zur Verzweiflung gebracht, sich selbst entleiben würden, könnten sie ihre eingeschmiedeten Hände nur einige Augenblicke frei gebrauchen.“ —
Der Oberprofos leerte nun ein volles Glas Wein in langsamen Zügen mit vielem Behagen. Krause schob das seine zurück; dem weichherzigen Manne wäre beim schmerzlichen Hinblicke auf das Jammerleben so vieler unglücklicher Mitmenschen der köstlichste Rebensaft zum Wermuth geworden, und Frau Elisabeth fragte mit nassen Augen und leiser Stimme: ob die Baugefangenen doch satt zu essen und die sonst nöthige Pflege haben?
„Ja, da hat es sich bei uns mit Kost und Pflege!“ — lachte der gewaltige Bagnos-Häuptling[32] mit widerlich verzerrtem Gesichte und entpfropfte eine neue Flasche. „Meine wertheste Frau Försterin, erlauben Sie mir, Ihnen eine kurze, aber wahre Schilderung zu machen, wie es den Inhaftirten ergehet, über welche ich ein christliches, aber, nach Gestaltung der Dinge und absoluter Nothwendigkeit, oft gar strenges Commando zu führen bestallt und ermächtigt bin.“
„Die Schlafstelle eines jeden Baugefangenen in diesen unterirdischen Kerkern ist aus Brettern gezimmert, gerade mit nothdürftigem Raume, um sich ausstrecken und umwenden zu können. Ein mit sehr rauhem Stroh gefüllter Sack und eine Wolldecke sind das Bett. Frühstück giebt es nicht; nur jene haben das zum Morgenimbiß, was sie von ihrer Brodration sich ersparen, die täglich aus 1½ Pfund Brod bestehet und ihnen für zwei Tage gereicht wird. Wassersuppe und ein Gericht von Hülsenfrüchten ist das Mittagsmahl, Wassersuppe das Nachtessen. Nur an den größten Festtagen wird zu Mittag ein Stückchen Fleisch gereicht. Wasser ist das immerwährende Getränk. Jeder Baugefangene trägt am rechten Fuße eine schwere Eisenschelle mit schwerer Kette, womit sie nächtlicher Weile an ihre Lagerstätte, bei Tage aber entweder an den Karren, den sie bei Bauarbeiten zu ziehen haben, angeschlossen werden, oder die sie bei andern Beschäftigungen wie einen Gürtel um den Leib tragen. Zu früher Morgenstunde wird die große Fallthüre, durch die man zur Kerkertreppe gelangt, und welche den einzigen Eingang zu diesen unterirdischen Wohnungen bildet, geöffnet, und gleich von Wache mit scharf geladenen Gewehren umstellt, während meine Steckenknechte, von wohl abgerichteten Fanghunden begleitet, die Kerkerthüre öffnen, die Gefangenen losschließen, und sie die Treppe hinaufsteigen lassen. Jeder Kerker zählt mehr als zwanzig Gefangene, über welche Einer davon, der sich das meiste Vertrauen durch Fleiß und Stille bei mir erworben hat, gleichsam die Aufsicht führt. Jeder dieser Aufseher muß nun, ehe die Gefangenen die Bastei verlassen, Meldung machen, ob sie während verflossener Nacht gebührliche Aufführung gepflogen haben. Die geringste Klage, und der Beschuldigte wird ohne gestattete Gegenrede mit Geiselhieben gezüchtigt. Da setzt es Hiebe, mul um, nach allen Dimensionen, und da darf nicht gemuckst, nicht raisonnirt werden, sonst wird, wie wir Justizmänner sagen, portio duplex gereicht. Dann schreitet man zur Tagesarbeit, die im Steinsägen, Reinigung der Geschütze, Schanzen, Ankarrung der Baumaterialien und Gassenkehren besteht.
Es ist beinahe unbegreiflich, wie solche Elende, die ihren Tag unter den schwersten Arbeiten hinbringen, nur höchst nothdürftig genährt werden, und, auf ihrem steinharten Lager von zahlreichem Ungeziefer gepeinigt, größtentheils die Hälfte der Nacht schlaflos hinbringen, noch den Muth und so viele körperliche Kraft haben, die anstrengendsten Versuche zum Ausbrechen aus so festem Gewahrsam zu machen; wie sie, während der Arbeiten, theils gegen meine Steckenknechte, theils gegen die Wache die trotzigsten Angriffe wagen; wie sie nächtlicher Weile sich anfallen, einander blutrünstig schlagen, ja oft schwer verwunden. Aber wehe dann diesen Bösewichtern am nächsten Morgen beim Rapporte. Da wird der Angreifende wie der Angegriffene bis an die Hüften entblößt, mit den Händen an eine steinerne Säule geschlossen, und dann vom Steckenknechte mit einer schweren, dichtgeflochtenen Geisel meistens so lange gepeitscht, bis er bewußtlos an der von Blut triefenden Säule lehnt. Und doch genießen diese Erbärmlichen ein noch viel besseres Schicksal, als jene, die in der Mohrenkammer und im Kupfergewölbe, Füße und Hände in Eisen geschmiedet, bei Wasser und Brod, in ewiger Dunkelheit zur lebenslänglichen, arbeitslosen Haft verwahret werden. Darunter habe ich einen gewissen Ilmer, der bereits seit 11 Jahren seinen schauderhaften Kerker noch keinen Augenblick verlassen durfte, der den Tag mit den gräßlichsten Gotteslästerungen beginnt, immer darüber blutig gepeitscht wird, und nach dem letzten Streiche wieder zu lästern anfängt. Eben so“ —
Länger vermochte die mitleidige, gottesfürchtige Frau Elisabeth solche schaudervolle, schmerzlich ergreifende Mittheilungen nicht anzuhören. Rasch unterbrach sie den Redseligen mit der Frage: ob diese Unglücklichen in solch irdischer Hölle nie das Glück und die heilvollen Wohlthaten des Trostes, der Lehre, der Erbauung aus dem Munde eines Priesters genießen dürfen. —