Maienröslein, komm in grünen Wald hinein,

Wir wollen alle lustig sein;

So fahren wir vom Maien in die Rosen.

Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein, Oel spenden wollen, angewünscht, dass der Marder die Hühner nehme, der Stock keine Trauben, der Baum keine Nüsse, der Acker keine Frucht mehr trage; denn das Erträgniss des Jahres hängt von dem kleinen Frühlingsopfer ab. Stöber, Elsäss. Volksb. 1842, 56. Fällt der Nachdruck der scenischen Festaufführung auf das Vertreiben des Winters, so nennt man dasselbe den Tod austragen, oder wie im böhmischen Saazer Kreise, mit dem Bändertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit Bändern geschmückt hat. Dabei trägt der König einen mit Goldpapier beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthütern folgt ihm sein Töchterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Königstochter werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein Bündel Lichtspäne (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom erzürnten Vater niedergestochen. In Südschweden rückten am 1. Mai zwei Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Städte, die eine angeführt vom Winter, der in Pelze gehüllt, mit Handspiessen bewaffnet, Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein Speerstechen, worin der Sommer den Winter überwand und durch Ausspruch des umstehenden Volkes für den Sieger erklärt wurde. War die Witterung des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute glühende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der Blumengraf auf seine Ehre und rückte mit frischen Birken- und Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Mühe zum Grünen gebracht hatte.

Ein Gastmahl und Trinkgelage, glänzender als es durch Speerkämpfe errungen wird, schloss das Turnier. So die Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik (verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwürdig (schreibt Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfälischer Mairitt, welchen die Bürger von Soest im J. 1446 während ihrer Fehde gegen den Bischof von Köln ausführten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die Grafschaft Arnsberg, zerstörten Dörfer und Vesten, führten Heerden, Güterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem grünen Maien" nach Hause. Wie hier der grüne Mai, unter welchem das Kriegsheer einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so rücken am Frühlingsfeste die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre Gemeindewälder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und Stäbe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst. Diese Kadettenzüge sind beschrieben im Alemann. Kinderlied und Kinderspiel, pg. 490. Häufig knüpft sich eine Ortssage daran von einem zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden sein sollen. Hievon wird im Abschnitte Maiengeding noch besonders die Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart in der Eifel, Rheinpfalz

und Hessen ein Innungsrecht der örtlichen Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfähigen Mädchen in öffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem Höchstbietenden zugeschlagen. Der Erlös ist kein unbedeutender (Bavaria IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" ausgeboten und den Käufern einzeln zugetheilt. Die für beide Theile daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hüter "Schützen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz, das ehmals im ganzen Eifellande üblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. 1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Mädchen unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschüssen gleichfalls ins Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker, Hess. Sag. no. 317[[2]].

Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis nachweisen, über deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit sagen lässt, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmädchen einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Würzburg gethan worden und sah hier das berühmte Maispiel mit an, das die gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljährlich zu begehen pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo

metrisch verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts über unsre Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem Herkommen, das wie eine religiöse Satzung galt, hielt das Frauengeschlecht der Mainfranken alljährlich im Frühling zu Ehren der Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt wurde. Sämmtliche Wittwen unter fünfzig Jahren und alle mannbaren Mädchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und Laubgewinde in den Händen tragend. Während eine Schaar den Reihen führte, ergötzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fühlte sich zu frischem Beginne angespornt. Das Männervolk machte dabei den Zuschauer. Den Vornehmen ergötzte die vornehme Haltung, den Bauern die ländliche oder volksthümliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die künftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemüthe, traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle bei diesem Feste geschlossnen Eheverträge hatten das Jahr über ihre Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwählte, die er noch nicht näher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er ein heidnisches Herkommen, für dessen Gesetzgeber und "König" er sich selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese Mädchen sich den Titel der "Königin" beilegen, wenn eben diejenigen Männer, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen worden waren, über dieses Spiel als über einen blossen Scherz nachher tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis, die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes werden wollte: unter Thränen bewog sie ihren Vater, beim König Chlodwig Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann der Regent

durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So weit Herbelo's Nachricht.

Der Ehemann, welcher, hier König genannt wird, ist im heutigen Frühlingsspiele der Maigraf oder Lauchkönig, die von ihm erwählte Braut die Maikönigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Männer ins Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekränzt, tragen Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzüge unsrer heutigen Frühlingsbräuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht keineswegs aus nackten, sondern aus entblössten Tänzerinnen, d.i. aus solchen, die als Botinnen des Frühlings Frauenmantel und Haube abgelegt haben, hochgeschürzt, blossarmig und baarhäuptig in den Reihen treten, ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Mönchsphantasie ein züchtiger Frühlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der angebliche Frankenkönig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle, als eben dieses grausame Missverständniss von Seite des Klerus.