Stoneberg: Nein; so lange bleibe ich nicht. (Geht im Zimmer umher, bleibt vor dem Flügel stehen): Ah, ein Stoneberg. (Schlägt ein paar Tasten an und geht dann an den Mitteltisch, sucht einen Briefbogen und ein Couvert heraus, schreibt. Der Diener ist unterdessen mit dem Anzünden fertig geworden.)
Diener: Wünschen Herr Stoneberg noch etwas?
Stoneberg (schreibend): Warten Sie. (Der Diener geht ins Vorzimmer.)
Stoneberg (schreibend): Sie haben auch den Dienstmann bezahlt, welcher den Violinkasten aus meinem Hotel holte?
Diener: Ja.
Stoneberg (steht auf, wirft einen prüfenden Blick nach dem Diener, geht langsam im Vordergrund des Zimmers auf und ab, halblaut das Geschriebene lesend): »Gnädigste! Heute Abend habe ich mich überzeugt, daß Ihr Instrument der Künstlerin nicht würdig ist. Sie haben das Adagio des Beethovenkonzertes nicht gespielt, wie Sie es spielen können. Das Publikum hat es nicht bemerkt, wohl aber das Ohr eines Musikers. Ich habe mich daher entschlossen, Ihnen die in meinem Besitz befindliche Amati zu überlassen. Ich muß so unhöflich sein, Sie noch heute Abend zu bemühen. Ein vor wenigen Stunden erhaltenes Telegramm zwingt mich morgen früh fünf Uhr zur Abreise nach New-York. Darf ich Sie für wenige Minuten auf das neutrale Gebiet des Probezimmers bitten? Ich habe das Instrument holen lassen, Sie können es genau prüfen. Ihr bewundernder Verehrer William Stoneberg.« (Geht an den Tisch, schließt den Brief in ein Couvert, schreibt die Adresse, winkt dem Diener.) Gehen Sie ins Künstlerzimmer und warten Sie bis zum Schluß des Konzertes. Wenn Fräulein Stanyek kommt, übergeben Sie ihr diesen Brief und bitten um Antwort. Sollte sie es verlangen, so führen Sie die Dame her. Nun – (zieht seine Börse heraus) für den Dienstmann und Ihre Bemühungen.
Diener: Danke, gnädiger Herr. (Geht, schließt hinter sich die Thüre.)
Scene 2.
Stoneberg (allein. Klappt seinen Cylinder zusammen, trägt den Ueberrock auf einen Stuhl im Hintergrund, öffnet den Violinkasten). Wird sie kommen? Glaube wohl. Anstandsrücksichten kommen bei ihr nicht allzuviel in Betracht. Und wo sich's um eine Amati handelt, um diese Amati! – Aber warum lass' ich sie kommen? Um ihr die Amati zu überlassen? Ich denke nicht daran. Es wäre denn, daß sie einen Preis dafür zahlt, einen Preis ... ich glaube nicht, daß sie ihn zahlt. Aber versuchen. Und einmal will ich mit ihr allein gesprochen haben. Ganz allein. – Dies Geschöpf! Was zwingt mich zu ihr? Ihr Lachen, ihr großes tolles Lachen – und ihre schwermütigen Augen. Ich verstehe sie nicht. Gehört sie zu den Frauen, die nur deshalb reizend sind, weil sie sich an der äußersten Grenze bewegen? Ich habe viel Unpassendes von ihr gesehen, tausend Sonderbarkeiten wie die rätselhafte Gürtelkette, nie etwas Unschickliches. Bin ich noch deutsch-sentimental genug, daß ihre Begabung auf mein Gefühl wirkt? Zwanzig Jahre in Amerika und noch sentimental. (Pause.) Ob ich mir nicht Unrecht thue? Sentimental? Es könnte noch eine andre Regung dabei sein. Ich würde sie mir leichter verzeihen. (Die Musik verstummt. Man hört lange anhaltenden Applaus.) Zu Ende. Nun werde ich ja gleich wissen .... (Geht mit kurzen Schritten auf und ab, fährt sich ein paarmal erregt über die Stirne. Aergerlich): Daß mich so etwas noch nervös machen kann! Was ist's denn? Ein kleines Slavenmädchen von möglichst dunkler Herkunft. Aufgewachsen im künstlerischen Vagabundentum. Darin liegt meine Hoffnung. Und in der Amati. (Er nimmt die Violine aus dem Kasten, betrachtet sie. Es klopft.)
Stoneberg: Herein.