Ganz ruhig, mein Herr Gemahl. Aber Sie hätten das nicht so spöttisch zu sagen brauchen. –
Mein philosophischer Graf sitzt noch immer auf seinem Felsen, dichtend ... Was gilts? Eine Spielerei von zwei Monaten – ce n'est que le premier pas qui coûte.
Soll ichs? – Ich werds!
21. Juli.
Ich las, was ich gestern geschrieben. Es amüsiert mich. Ich werde weiter schreiben. Ich langweile mich noch immer. Die – Affaire ist noch nicht im Gang. ... Sentimental wird mein Tagebuch nicht. In dieser Richtung bin ich ein Genie an Talentlosigkeit. Sentimental – Affaire – Genie – wie unlogisch ich durcheinander schreibe. Ah, laissons! Logik ist die schreckliche Begabung der gelehrten Frauen; ich kann sie nicht leiden; sie verstehen nichts von Koketterie. Ich bin nicht gelehrt; kokett? –
Ich spreche französisch, nicht mit schwerfällig-deutscher Institutsrichtigkeit, sondern so anmutig und unordentlich, als käme ich aus dem tiefsten Paris; englisch wie eine Lady, deren Augenbrauen weißer als ihre Haut sind; italienisch – man hat mich für eine Toskanerin gehalten. Weiter kann ich nichts. Oder von allem ein wenig. Natürlich spiele ich Klavier. Mit viel Technik und wenig sentiment. Manchmal phantasiere ich auch, cela veut dire, ich spiele eine unmögliche Melodie, dazu suche ich mir noch unmöglichere Akkorde. Kurz, es sieht in meinem Kopf aus wie in einem bric-à-brac-Laden. Ich weiß es ganz genau und mache mir gar nichts daraus. Die Grisettenwirtschaft solch eines bric-à-brac-Ladens ist weit interessanter als die anständige Steifheit wohlgeordneter Wohnzimmer. Ich habe mich in Paris mit Daudet, in London mit Gladstone, in Bayreuth mit Wagner aufs beste unterhalten. Ohne jede Gelehrsamkeit. Ein wenig Esprit, ein wenig Koketterie. Ich kenne all meine Fehler und finde sie alle reizend. Z. B. meinen Egoismus. Ich beweise ihn schon dadurch, daß ich nur von mir rede. Da ist ja noch – monsieur mon mari. Ich liebe ihn heute ebenso wie vor fünf Jahren an unsrem Hochzeitstage. Mittelmäßig. Warum ich ihn geheiratet? Er war zweiunddreißig Jahre, die Perfektion eines Kavaliers, sein Vermögen groß genug, um mir Toiletten à la Sarah Bernhardt und Diamanten à la Judic zu gestatten; und in mich verliebt! Sehr! Ich? ich wußte recht gut, daß mein Ministerpapa eine glänzende Einnahme, aber kein Vermögen habe. Die glänzende Einnahme wurde durch ein glänzendes Leben verbraucht. Meine Heirat mit Baron Gersewald war das Vernünftigste, was ich thun konnte. Ich that es.
Fritzl ist heute wie vor fünf Jahren galant, liebenswürdig, verliebt. Wir leben in der größten Harmonie. Wir sind beide nicht eifersüchtig. Wir wissen beide, daß wir uns hie und da etwas vorlügen. Was die gegenseitigen Wünsche angeht, schicken wir uns ineinander. Vier Wintermonate in Paris, reizendes Hotel Place Vendôme, das ist für mich. Drei Sommermonate Eibsee, einsame Villa, das ist für ihn. Eine Laune meines seligen Schwiegervaters hat diese Bonbonnière in die Felseneinöde gestellt. Die Gegend entzückte ihn, doch nicht genug, um sie ohne Comfort genießen zu wollen. Fritz hat seine ersten Lebensjahre fast ausschließlich hier verbracht; wahrscheinlich ist seine Bergfexerei auf diesen Umstand zurückzuführen. Sie stimmt keineswegs zu seinem übrigen Charakter. Vor einigen Tagen fand ich in einem Winkel mehrere seiner Schulbücher. Besonders amüsierte ich mich über ein dickes Buch: Homer. Voller Tintenflecke und Eselsohren. Ich zeigte es Fritz. Weißt Du noch etwas davon? Er lachte: Kein Wort.
Mir ist der Aufenthalt hier nicht unbequem genug, um mich dagegen aufzulehnen. Die Luft, die Ruhe die Bäder sind der Gesundheit sehr zuträglich. Volle Gesundheit trägt wesentlich zur Verlängerung der Jugend und Schönheit bei. Ich möchte mir beides möglichst lange erhalten. Aber es ist schwer, hier zu leben, wenn man für sogenannte Naturschönheiten keinen Sinn hat. Fritzl ist tagelang in den Bergen. Ich glaube, er war schon ein dutzend Mal auf der Zugspitze. Die längste meiner Fußpartieen erstreckte sich nur bis nach Lermoos. Seitdem sitze ich lieber zu Hause oder mache kurze Spaziergänge an den Frillensee. Baadersee ist mir schon zu weit; dazu der Rückweg bergauf. Auch wohnen mir in dem kleinen Hotel zuviel Kaufleute und Commerzienräte. Ich befinde mich trotz der Langeweile immer noch am besten – chez moi.
Unser philosophischer Graf bleibt auch zu Hause. Das Bergsteigen ist ihm noch verboten ... L'affaire? Ist noch nicht im Gang. Zum ersten Mal weiß ich nicht, wie einem Menschen beikommen. Wir sehen uns Mittags und Abends. Morgens ist er von fünf Uhr ab im Wald; Fritz in den Bergen.
Punkt zwölf kommt der Graf zurück. Rasch, erhitzt, zerzaust. Er muß über die Veranda, an mir vorbei. Drei Schritte entfernt bleibt er stehen. Sein überkorrektes Compliment ist steif und ungeschickt. Er dreht seinen weichen Schlapphut in den Händen und wird ganz unmotiviert rot.