Sehr sympathisch berührt uns die Karikatur des schon mehrfach genannten Robert Carter „Who said rats?“ ([Abb. 59]). Der englische Minister Churchill hatte von den deutschen Schiffen als Ratten gesprochen, die man aus ihren Löchern ausgraben müsse, da sie sonst nicht hervorkämen. Die großartigen Leistungen deutscher Unterseeboote waren die Antwort. Der amerikanische Künstler zeigt uns nun in dem sehr geschickt komponierten Blatte, wie Tirpitz, hinter dem ein Heer von Schiffen und Zeppelinen steht, den englischen Löwen bei den Ohren nimmt. Daß ein sonst Deutschland abholdes Blatt eine solche Zeichnung bringt, die damit zu Hunderttausenden von Lesern gelangt, ist ein deutlicher Beweis dafür, daß schließlich über alle Lügen und Entstellungen doch die lautere Wahrheit triumphieren muß!

Wasser auf die Mühlen aller deutschfeindlichen Elemente war die Torpedierung der „Lusitania“ am 7. Mai. Die aufs äußerste erregte Stimmung in den Vereinigten Staaten spiegelt auch hier die Karikatur deutlich wider. Ein Gefühl der Erhabenheit über Beleidigungen ist diesen Zeichnungen gegenüber besonders notwendig.

Die modernen Waffen dieses Krieges, die namentlich auf deutscher Seite so außerordentlich erfolgreich angewendet wurden: Unterseeboote, Luftschiffe, tötende Gase, haben auch in der gesamten Weltkarikatur zu zahlreichen, oft sehr bedeutenden Darstellungen geführt. Alle die Bilder über die Torpedierung der „Lusitania“ gehören ja in das Kapitel „Unterseeboot“, über das sich allein schon ein dicker Band von Karikaturen zusammenbringen ließe. Die „Lusitania“-Karikaturen sind eigentümlicherweise nicht in England am zahlreichsten, das durch den Untergang des Riesendampfers doch am meisten getroffen wurde, vielmehr hat quantitativ und qualitativ Amerika das meiste geleistet und nächst ihm Holland; wie überhaupt, soweit sich das Gebiet der Karikatur im Weltkrieg bisher übersehen läßt, in Amerika und Holland die künstlerisch wertvollsten Scherzbilder entstanden sind.

Wie bekannt, erfolgte die Torpedierung der „Lusitania“ ohne vorherige direkte Warnung, wobei eine große Anzahl bekannter oder, wie man drüben sagt, „prominenter“ Amerikaner ihr Leben verlor. Wir wollen einmal annehmen, das Umgekehrte wäre eingetreten, Deutschland hätte in einem Kriege, in dem es neutral geblieben wäre, auf die gleiche Weise eine Reihe seiner besten Bürger eingebüßt: sicherlich wäre auch bei uns die Erregung zur Siedehitze gestiegen und hätte in den Witzblättern (in diesem Kriege ist der Ausdruck „Witzblatt“ eigentlich geradezu eine Profanation) zu den denkbar schärfsten Angriffen geführt. Allerdings hätte man in Deutschland die Bekanntmachung eines fremden Gesandten nicht mit Spott und Hohn hingenommen, wie es in Amerika mit den Warnungen geschehen ist, die Graf Bernstorff in Zeitungen und durch private Briefe ergehen ließ. Deshalb ist es ja auch nicht richtig, von einem Torpedieren der „Lusitania“ ohne vorherige Ankündigung zu sprechen. Aber die amerikanische Presse nahm diese Warnungen nicht ernst. So zeigt noch ein Spottbild in der Morgenausgabe des „New York Herald“ vom Sonnabend dem 8. Mai „The Announcer“ Bernstorff mit umgeschlagenem Mantel und den Attributen des Todes, während im Hintergrund das Plakat der Cunard-Linie klebt, die dort ihre Abfahrtszeiten der „fastest and largest steamers“ ungehindert ankündigt. Diese Zeichnung von W. A. Rogers sollte ein Hohn auf Bernstorffs Warnungen sein. Nachdem das große Schiff nun tatsächlich versenkt war, überbot sich die amerikanische Presse an gehässigen Darstellungen, die sich hauptsächlich gegen den Kaiser und Tirpitz, die als die Urheber des „Verbrechens“ angesehen wurden, richteten. Der schon früher genannte Sidney Greene zeigt im „Evening Telegram“ den Kaiser persönlich mit einem riesigen Torpedo die „Lusitania“ in den Grund bohrend, während Frauen und Kinder rettungslos auf den Wellen treiben: „Sein Platz an der Sonne“. In derselben vielgelesenen Tageszeitung brachte der Zeichner Farr eine Karikatur, in der die drei größten Seeräuber aller Zeiten, Kapt. Kidd, Simms und — Sir Henry Morgan dem Kaiser den Lorbeer (the wreath) überreichen: „Handing it to him“ („Ihm gebührt der Ruhmeskranz“). Robert Carter veröffentlichte in „Evening Sun“ eine Satire mit der ironischen Bezeichnung „Brave Work“, auf der der Kaiser einem Seewolf, der die Bezeichnung trägt: „War on Helpless Shipping“, das Eiserne Kreuz umhängt. In der gleichen Zeitung konnte man ein Bild sehen, das den Kaiser mit der gepanzerten Faust, die berühmte „mailed fist“, mit Tirpitz im Hintergrunde zeigt: „Laws? I make My Own Laws“ (Was scheren mich Gesetze, ich mache meine eigenen!), „Cincinnati Times“ brachte eine Zeichnung von Bushnell mit der riesigen Figur des Todes, die aus dem Meeresgrunde aufsteigt und die „Lusitania“ in die Tiefe zieht, während das deutsche Unterseeboot unbekümmert abfährt; „Philadelphia Public Ledger“ vereinfachte den Gedanken: Man sieht auf den tobenden Wellen einen deutschen Helm mit der Piratenflagge an der Spitze. „Brooklyn Eagle“ bringt die amerikanische Flagge (Stars and Stripes), blutbefleckt, darunter die Unterschrift: „Das ist unser Blut“. Noch viel schärfer waren die Darstellungen in der schon genannten bedeutendsten Wochenschrift „Life“; sie sind derartig zynisch, daß man ihren Inhalt aus einfachen Anstandsgründen nicht einmal zitieren kann. Auf einer der verhältnismäßig noch harmlosen Zeichnungen von McKee sieht man Uncle Sam, wie ihn der Kaiser mit der Peitsche bearbeitet, so daß Streifen auf dem Rücken entstehen, und Tirpitz ihm mit einer schweren Keule auf den Kopf schlägt, so daß Funken und Sterne sprühen; die ironische Unterschrift lautet: „Stars and Stripes“. In der gleichen Zeitung, deren Leser nach vielen Hunderttausenden zählen, findet man dann die häßlichsten und gemeinsten Spottverse gegen Deutschland und seinen Kaiser.

Und dieselbe, auch in England weitverbreitete amerikanische Wochenschrift, gab gleichzeitig eine Sondernummer „Vive la France“ heraus, in der die „Schwesterrepublik“ in einer Reihe süßlich-fader Bilder in den Himmel gehoben wird!

Abb. 59. Robert Carter: Wer sprach von Ratten? (Who said rats?).

(Evening Sun, New York.)

Abb. 60. Robert Minor: In Erwartung des 18. Februars.