Abb. 11. Die unparteiischen Kriegskorrespondenten.
Björn Björnson empfängt seine Instruktionen vom Reichskanzler Bethmann Hollweg, Franz von Jessen von General Joffre.
(Klods-Hans, Kopenhagen.)
Bei der riesigen Fülle ist es schwer, den Weizen von der Spreu zu sondern. Den Karikaturen des feindlichen Auslandes gegenüber muß dabei mit großer Weitherzigkeit begegnet werden. Zeitgeschichtliche Dokumente von bleibendem Wert sind auch scharfe und bissige Karikaturen des Feindes, sofern sie nur geistreich sind; sie haben tausendmal mehr Wert, als ein fader und süßlicher Kitsch, wenn er sich auch noch so hurrapatriotisch gebärdet. Gerade wir Deutsche als Sieger dürfen im Gefühl unserer überlegenen Kraft nicht zu empfindlich sein und müssen Humor genug besitzen, auch in der schärfsten Karikatur des Auslandes gegen uns den witzigen Gedanken und die künstlerische Qualität sehen zu können! Wenn irgendwo, so soll hier der Satz gelten: „Tout comprendre c’est tout pardonner.“ Es wäre ein ganz falsch verstandener Patriotismus, alle antideutschen Karikaturen des Auslandes in Bausch und Bogen zu verurteilen. Bringen doch sogar die Franzosen, denen man gewiß keine übermäßige Objektivität nachrühmen kann, in ihren Witzblättern regelmäßig Reproduktionen deutscher Scherzbilder, die in schärfster Weise französische Zustände geißeln. In einer der Nummern von „Le Rire“ vom Herbst 1915 erschien Gulbranssons englischer Löwe, den seine Verbündeten um Hilfe anrufen: „Was wollt ihr, das ich alles leisten soll! Habe ich nicht Dünkirchen und Calais besetzt?“ (Diese deutsche Satire in einem französischen Blatte! Das läßt doch tief blicken!) Und auch die Engländer haben gezeigt, daß sie Sinn für Humor besitzen, als sie Lissauers „Haßgesang gegen England“ (vor dessen internationaler Berühmtheit dem Autor jetzt selber graust) in einer, übrigens meisterhaften englischen Übersetzung für gemischten Chor vertont öffentlich im Royal College of Music zum Vortrag brachten; man denke: Engländer den Haßgesang gegen das eigene Land! Der Dirigent Sir Walter Parratt, der die Aufführung leitete, lobte in den Zeitungen den Enthusiasmus, mit dem der Chor die Komposition vortrug und bedauerte nur, daß er Lissauer kein Telegramm über den großen Erfolg senden konnte. Der Haßgesang kommt ja bei uns in Deutschland allmählich aus der Mode. Kurz nach seiner Entstehung wurde er als Lied eines bayrischen Soldaten im bayrischen Heere verbreitet (darauf bezieht sich [Abb. 12] aus dem „Punch“); jetzt warnt das bayrische Unterrichtsministerium vor der Pflege des Hasses in den Schulen und wünscht die Ausmerzung des Haßgesanges aus den Lesebüchern, in denen er Aufnahme gefunden hat. Ein gerechter Krieg bedarf keinerlei Anstachelung durch Haßgesänge!
[Abb. 12.] Geo. Morrow: Der Haßgesang.
(Punch, London, Dezember 1914.)
„Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
Als hätt’ ich vierundzwanzig Beine!“