(„Faust“, 1.)
[Abb. 13.] Rudolf Herrmann: Englands Wahlspruch.
(Die Muskete, Wien.)
Abb. 14. F. H. Townsend: Bravo, Belgien!
(Punch, London.)
Abb. 15. F. H. Townsend: Beim Barbier.
Englische Karikatur auf die Angst vor den Deutschen. „Rasieren, mein Herr?“ — „Ja — — das heisst: nein! Lieber doch Haarschneiden!“ (Punch, London.)
Eine der unerfreulichsten Erscheinungen waren die sogenannten Ulkkarten. Auf die französischen Gemeinheiten wird weiter unten eingegangen werden, aber auch bei uns ist mancherlei Böses auf diesem Gebiete verbrochen worden. Man hätte glauben dürfen, solche Ausbrüche als längst überwunden betrachten zu können. Das waren keine Satiren auf die Feinde, das waren vielmehr Karikaturen auf den Patriotismus selber! Traurig genug, daß sich augenscheinlich doch genügend Abnehmer für diese auf die niedrigsten Instinkte spekulierenden Machwerke sogenannter „Auch-Verleger“ fanden, die Unsinn mit Witz und Phrasendrescherei mit Patriotismus verwechselten. Natürlich fanden sie auch den Weg ins Ausland und wurden hier als Witz der deutschen „Barbaren“ beschrieben und — abgebildet; so im „Matin“ vom 8. Oktober 1914 mit folgender Anmerkung: Les Allemands n’ont pas beaucoup d’esprit naturel, chacun sait cela; mais ils s’efforcent d’en avoir. En temps ordinaire ils n’y réussissent guère; en ce moment, ils n’y réussissent pas. Leurs seuls traits originaux sont des traits de cruauté. Ils ont fait néanmoins, depuis deux mois, et même avant la déclaration de guerre, des débauches de plaisanteries. Leurs cartes postales du mois de juin dernier sont ruisselantes de gaieté — d’une gaieté insolente, comme il convient, et lourde, et grossière. Nous nous en sommes fait envoyer une collection et nous allons en montrer quelques-unes aux lecteurs français, chaque fois que nous aurons un peu de place pour étaler ces caractéristiques laideurs. Diese Auslassungen sind in ihrer Verallgemeinerung natürlich unzutreffend; aber das Recht auf eine scharfe Kritik solcher unwürdigen Hurrastimmung darf man dem französischen Blatte nicht absprechen. Glücklicherweise wandten sich Ministerien, Generalkommandos und auch Künstlerverbände in Rundschreiben und Erlassen gegen diesen Unfug, auch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ machte dagegen mobil. Das Leipziger Polizeiamt traf schon im Dezember 1914 die vernünftige Anordnung, daß dem Verbote anheimfallen werden „Darstellungen auf Postkarten oder Bilderbogen, die auf eine unwürdige Verkleinerung oder Verunglimpfung unserer anerkannt tapferen Feinde, deren Herrscher und Heerführer hinausliefen“. — Wie traurig muß es aber im Hirn jener Menschen aussehen, die solche unsinnige Karten auch noch an die Kämpfer in die Front sandten. Unsere Truppen, die sich täglich mit den zähen und doch auch für ihr Vaterland kämpfenden Engländern und Franzosen herumschlagen müssen, haben denn auch glücklicherweise diese Art Kunst nicht zu würdigen gewußt. Erst vom Schlachtfeld selber mußte die Mahnung zur Einkehr kommen. Besser als jede Erörterung spricht der Brief eines Kompagnieführers, der der „Kölnischen Zeitung“ zur Verfügung gestellt wurde: „Ich habe bei der Verteilung der Postsachen an die Mannschaften verschiedentlich beobachtet, wie sich darunter Karten befanden, die die besiegten Franzosen, Engländer und Russen in geschmackloser Weise verhöhnten. Der Eindruck ist ein höchst bemerkenswerter. Fast keiner freute sich über die Karten, im Gegenteil drückte jeder Mann sein Mißfallen darüber aus. Ich habe einen Mann gesehen, dem die Tränen in die Augen traten. Wir sehen das unsägliche Elend des Schlachtfeldes. Wir freuen uns zwar auch über die Siege, aber unsere Freude ist gedämpft durch die Erinnerung an die traurigen Bilder, die wir fast täglich vor Augen haben. Und unsere Gegner haben es wahrlich zum weitaus größten Teile nicht verdient, daß man sie so verspottet. Hätten sie sich nicht so tapfer geschlagen, so hätten wir nicht solche Verluste zu verzeichnen. Ist daher schon an und für sich eine solche Karte meines Erachtens äußerst geschmacklos, so wirkt sie hier im Felde angesichts unserer Toten und Verwundeten geradezu widerwärtig. Die paßt ins Feld wie ein Clown auf ein Leichenbegängnis.“ Glücklicherweise lehnte also die große Mehrheit diese zwar nicht witzigen, dafür aber um so alberneren Produkte energisch ab. Man kann diese „Zeichner“ am besten mit jenen patriotischen Maulhelden vergleichen, die in jedem einen Vaterlandsverräter sehen, der nicht alle Engländer und Franzosen für ausgemachte Schurken erklärt. Aber nicht nur in den Karten, auch in manchen Witzblättern fand sich derartige Afterkunst. Oder zeugt es wirklich von so fabelhaftem Geiste, nach der Schlacht von Tannenberg immer und immer wieder den Russen zu zeichnen, wie er im Sumpfe „ersauft“ und mit der Wodkaflasche um Hilfe ruft? (Den „Künstlern“ sollte eigentlich bekannt sein, daß auch im russischen Heere streng auf Abstinenz gehalten wird.) Hindenburgs überwältigend großartige Leistung verliert auch dann kein Jota von ihrer Bedeutung, wenn man sich über den Erstickungstod von Hunderttausenden nicht lustig macht. — Viel berechtigter waren die Witze und Bilder über russische Unwissenheit und Bestechlichkeit. Solche hat uns in klassischer Form bereits Victor Hehn in seinem Buche „De moribus Ruthenorum“ überliefert, wie die Geschichte von dem ehrlichen Verwalter, der über das Verhältnis des männlichen Geschlechts zum weiblichen in seinem Bezirk berichten sollte und der erwiderte, das Verhältnis sei ein ganz angenehmes. Oder die Erzählung von dem Major, der an der Wolga über die Anzahl der Singvögel in dem ihm untergebenen Bezirk berichten sollte, und meldete, es seien deren 7500. Dies wunderte die Kontrollstelle; man befragte ihn, wie er auf die Zahl gekommen sei. Er antwortete treuherzig: „Ich dachte, kommt ein Revisor, so sage ich, die fehlenden sind in die benachbarten Kreise geflogen oder die darüber befindlichen sind aus dem Nachbarkreis herangeflogen.“ Oder die von dem Polizeihauptmann, dem Instrumente geschickt wurden, um danach über alle atmosphärischen Erscheinungen Beobachtungen anzustellen. Er beriet sich mit seinem Schreiber, was das bedeute. Sie kamen überein, es handle sich wohl um Fremdenpolizei. Die Instrumente wurden sorgfältig im Waffendepot des Bezirks niedergelegt. Nach längerer Zeit wurde angefragt, warum keine Berichte von ihm einliefen. Er antwortete, die Instrumente seien angelangt und wohl aufgehoben, die Erscheinungen seien ausgeblieben und von Atmosphäre habe er seit Jahren nichts bemerkt. —