Die chinesische Mauer bei Ning-Hai.

Mit rührender Treue halten die Söhne des Himmels an ihren alten Ueberlieferungen fest und stehen den Erfindungen der Yan-kwei-tse, ausländischen Teufel (das ist die gebräuchliche Bezeichnung der Chinesen für die Europäer) fast mit Verachtung gegenüber. Ich sah dies schon in der ersten Woche meines Aufenthalts in China, als ich von Hongkong den Perlfluß aufwärts nach Canton fuhr. Canton, die größte Stadt des himmlischen Reiches, gleichzeitig eines der wichtigsten und reichsten Handelsemporien Chinas, ist mit hohen, gewaltigen Mauern umgeben, und auch die Inseln, sowie die Höhen längs der Flußufer sind von steinernen Festungswerken gekrönt. Doch bestehen diese aus nichts weiter als festen Mauern, die einen weiten Platz umschließen, in deren Mitte sich die ebenfalls aus Stein erbauten Kasernen erheben. Natürlich war es bei der Expedition gegen Canton den Franzosen ein leichtes, diese Mauern zusammenzuschießen, Canton einzunehmen und dasselbe zwei Jahre lang besetzt zu halten. Dies hätte den Chinesen doch zeigen müssen, daß derlei Forts nicht nur kein Verteidigungsmittel sind, sondern daß die Steinmauern beim Aufschlagen der feindlichen Geschosse durch die umhergestreuten Trümmer den Verteidigern noch gefährlicher werden. Man hätte erwarten sollen, daß die Chinesen nach dem Abzuge der Franzosen moderne Forts anlegen würden. Statt dessen hatten sie nichts Eiligeres zu thun, als die noch unbesetzten Höhen längs des Perlflusses mit ganz denselben Steinmauern zu umgeben, wie sie die bisherigen Forts zeigten. Diese Mauern krönen nicht etwa den Gipfel oder das oberste Plateau der Höhen, sondern umschließen deren Fuß, ziehen sich allenfalls auch in den Thälern oder auf den Bergkämmen aufwärts, aber stets so, als wollten die Erbauer geflissentlich das ganze Innere des Forts den feindlichen Kugeln bloßstellen. In den Schießscharten dieser Forts stecken wohl mitunter moderne Geschütze, von Krupp oder Armstrong geliefert, in Canton selbst jedoch fand ich auf den Ringmauern nicht ein einziges modernes Geschütz, sondern nichts als verrostete, vollständig unbrauchbare Kanonen aus früheren Jahrhunderten, auf zerfallenen Holzlafetten ruhend oder einfach im hohen Grase schlummernd.

Die Garnison Cantons besteht aus den Soldaten der alten Mandschu- und Tatarenfamilien, die mit Weib und Kind in der mit einer besonderen Mauer umgebenen Tatarenstadt wohnen. Auf den freien Plätzen dort, sowie außerhalb der Stadtmauer sah ich diese Soldaten exerzieren. Die einen hatten moderne Mauser- oder Winchestergewehre, die anderen Bogen und Pfeil, wieder andere lange dreispitzige Lanzen, Schilde und Schwerter.

Dieselben Festungswerke, dieselben Soldaten fand ich später am Jangtsekiang, ja selbst in den Hafenstädten am Golf von Tschihli, welche doch die Hauptstadt des Reiches, Peking, vor feindlichen Angriffen beschützen sollen. Der wichtigste dieser Häfen ist nächst Tientsin das auf der Halbinsel Schantung gelegene Tschifu. Diese Wichtigkeit wurde in den letzten Jahren sogar von den Chinesen anerkannt, und sie beschlossen, dort neue Forts zu erbauen. Dem Hafen sind zwei Inseln vorgelagert, welche den Zugang vollständig beherrschen. Statt dort wurden die Forts, natürlich wieder nach der alten Schablone, auf dem Festlande weiter einwärts errichtet. Sachverständige schlugen die Hände über den Köpfen zusammen. Endlich wurde der Tatarengeneral der Provinz über die Gründe dieser sonderbaren Art der Küstenbefestigung befragt. „Ja”, antwortete dieser, „wohin soll sich denn im Fall der Einnahme der Forts die Besatzung zurückziehen, wenn diese Forts auf den Inseln angelegt würden?”

In Nanking, der alten Hauptstadt des himmlischen Reiches, wollte ich das dort befindliche Arsenal besuchen. Allein es wurde nicht gestattet. Doch erfuhr ich, daß alle früher dort bediensteten Europäer vor einigen Jahren entlassen wurden. Die ganze Erzeugung von Gewehren, Kanonen, Hieb- und Stichwaffen wird von den Chinesen geleitet. Die Garnison von Nanking hat dieselben Stadtteile inne wie vor dreihundert Jahren, und die Waffen sind, wie ich es bei dem Exerzieren der Truppen selbst sah, auch dieselben geblieben: Lanzen und Schwerter, Bogen und Pfeil. Nur ein kleiner Teil der Truppen ist mit Schießgewehren bewaffnet.

Der Vicekönig von Wutschang am Jangtsekiang hat einen der am Strome gelegenen befestigten Lager vor einigen Jahren hundert Hinterladergewehre mit je hundert Patronen gesandt mit dem Auftrage, Schießübungen anzustellen. Bei der Inspektion durch den Mandschugeneral im darauffolgenden Jahre rückten die Truppen wieder mit Bogen und Pfeil aus. Als nach dem Verbleib der Gewehre gefragt wurde, antwortete der Lagerkommandant, daß er sie weggegeben hätte, als die Munition verschossen war.

Pekinger Diplomaten erzählten mir, die Hälfte der dortigen Garnison hätte ihre Gewehre in den Pfandhäusern, und in den Provinzen käme es häufig vor, daß die Soldaten ihre modernen Hinterladergewehre gegen alte Feuersteinflinten sehr gern umtauschen, da sie mit diesen besser umzugehen wüßten.

Daß übrigens auch die kaiserliche Regierung in Peking keinen allzugroßen Wert auf die moderne Bewaffnung legt, geht aus einem Bericht der kaiserlichen Regierungszeitung hervor, der in der Ausgabe vom 24. Juni 1894 enthalten ist, also schon zur Zeit, als der Krieg mit Japan nahezu Gewißheit geworden war. Er lautet:

„Der Vize-Generalleutnant Ya er chien hatte in einem früheren Berichte eine Vermehrung der Ausrüstung seiner in Tscheng-tu stationierten Bannertruppen mit ausländischen Gewehren beantragt. Die hierfür erforderlichen Geldmittel sollten den Ueberschüssen der Opiumsteuer entnommen werden. Der Bannergeneral Kung schon, sowie der Generalgouverneur der Provinz Szechuan (dessen Hauptstadt Tscheng-tu ist) wurden seinerzeit zur Begutachtung dieses Antrages aufgefordert.