Vor dem Familienschatz.
Während der Vorstellung lauschen die Theaterbesucher andächtig den Ausführungen der Schauspieler, wälzen sich vor Lachen über den geringsten Scherz, vergießen Thränen bei jeder ernsten Scene, schaudern und gruseln bei Hinrichtungen und Selbstmorden, die auf der japanischen Bühne eine große Rolle spielen und mit allen blutigen Einzelheiten ungemein realistisch dargestellt werden. Fällt der Vorhang, dann geht der Lärm los. Die Hälfte der Anwesenden erhebt sich und eilt, über die Logenwände kletternd, zwischen den Insassen der Logen hindurch dem Ausgange oder den Büffettbuden zu; anderseits erscheinen wieder ein paar Dutzend Aufwärter oder Theehausmädchen, welche dampfende Schüsseln und Theetöpfe durch die verschiedenen Logen tragen; die Kinder klettern aus einer Loge in die andere, oder wohl gar auf die Bühne hinauf und tummeln sich dort lachend und schäkernd herum; mitunter steigen ganze Familien auf die Bühne, um vor dem Vorhang ihre Mahlzeiten einzunehmen; die in den Logen Zurückgebliebenen müssen sich in acht nehmen, daß ihnen nicht ihre Zehen abgetreten werden; ich mußte häufig ebensosehr die Geduld wie die Höflichkeit bewundern, mit der die japanischen Damen alle diese fremden Menschen, Besucher, Aufwärter, Kinder in ihren Logen und mitten zwischen sich hindurch umhersteigen ließen. Nicht ein finsteres Gesicht, nicht eine Gebärde des Unwillens oder der Ungeduld; lächelnd verneigen sie sich vor den Kellnern, lächelnd spielen sie mit den fremden Kindern, lächeln müssen sie bei allen Gelegenheiten. Dort zieht eine hübsche Musme aus den Aermeln ihres vorne offenen, den Busen entblößenden Kimono ein kleines Spiegelchen hervor, kramt aus den Tiefen der sackartigen Aermel Kamm, Puderbüchse, Lippenschminke und sonstige Toiletteartikel hervor und hantiert angesichts der ganzen Versammlung mit diesen Dingerchen. Allmählich kehren die Theatergäste wieder auf ihre Plätze zurück, von der Bühne ertönen drei dumpfe Schläge, ähnlich jenen, mit welchen auf den französischen Theatern der Beginn angezeigt wird; der Vorhang wird in die Höhe oder nach den Seiten zurückgezogen, und der nächste Akt beginnt.
Von Akten kann eigentlich keine Rede sein, ebensowenig wie von Tragödien, Lustspielen und Dramen nach europäischem Muster. Die Darstellungen, welche, wie bemerkt, morgens beginnen und spät abends endigen, beziehen sich gewöhnlich auf geschichtliche Ereignisse oder sind Märchen, Sagen und Romanen der alten Japaner entnommen. Auch giebt es keine eigene Theaterlitteratur. Als ich in Tokio einmal durch meinen Dolmetsch den Theaterunternehmer nach dem Verfasser des eben zur Ausführung gelangenden Stückes fragte, that er sehr verwundert und wußte nicht, was er antworten sollte. Erst als ich ihm meine Frage näher erklärte, erfuhr ich von ihm, daß an den japanischen Theaterstücken Direktor, Schauspieler, Theatermaler, Maschinisten, ja selbst das Publikum mitarbeiten. Irgend ein Märchen, eine Erzählung oder eine in den Zeitungen berichtete Begebenheit wird zum Vorwurf genommen, die Schauspieler arbeiten ihre Rollen selbst aus, jeder gute Einfall, der von irgendwelcher Seite kommen mag, wird bereitwilligst verwendet, und so entsteht allmählich das Stück, das aber während der ersten sechs oder acht Aufführungen täglich verändert und verbessert wird. Selbst später noch extemporieren die Schauspieler ganz nach Belieben, Scenen werden versetzt oder ganz weggelassen, und nur bei historischen Begebenheiten befleißigt man sich möglichster Treue in den geringsten Einzelheiten.
Mit Ausnahme von einigen der vornehmsten Theater, vor allem des Shintomiza-Theaters in Tokio, sind die scenischen Einrichtungen noch ganz so primitiv wie zu Shakespeares Zeiten in Europa, ja, wie sie Shakespeare selbst in seinem Sommernachtstraum verspottet hat. Für Interieurs bleibt die Bühne vollständig kahl. Eine Mauer mit einem Thor wird dadurch angezeigt, daß man in der Mitte der Bühne ein Thor aufstellt, und es bleibt der Einbildung des Publikums überlassen, sich zu beiden Seiten die hohe Mauer dazu zu denken. Die Schauspieler dürfen nur das Thor benutzen und nicht wissen, was jenseits desselben vorgeht; Theehäuser werden dargestellt, indem man ein paar Lampions mit der Inschrift „Theehaus” auf den Boden steckt. Gärten werden durch natürliche Pflanzen dargestellt. In den ersten Theatern Tokios hat man neben einer Menge anderer europäischer Einrichtungen auch schon gemalte Dekorationen, elektrische Beleuchtung und dergleichen angenommen, und besonders in dem vorerwähnten Shintomiza-Theater werden ganz hübsche scenische Effekte erzielt. Sonst beschränkt sich der theatralische Pomp fast ausschließlich auf die Kostüme der Schauspieler, deren Garderobe viele historische Waffen, Rüstungen, Mäntel und dergleichen von bedeutendem Wert enthält. Häufig bekommen beliebte Schauspieler derlei Gegenstände von aristokratischen Familien zum Geschenk. Die Schauspieler haben aber auch bessere Gelegenheit als bei uns, diese Prachtgegenstände aus nächster Nähe bewundern zu lassen, denn sie treten nicht nur auf der Bühne selbst auf, sondern benutzen zu ihrem Kommen und Abgehen die vorgenannten Estraden, auf denen sie langsam und feierlich mitten durch das Publikum schreiten. Zudem ist es gang und gäbe, den Schauspielern in ihren Ankleidezimmern Besuche abzustatten, wobei man ihnen gewöhnlich allerhand kleine Geschenke überreicht. Auch noch auf andere Weise kommen sie in die Lage, kleine Privatmuseen anzulegen oder sich durch Geldgeschenke zu bereichern, denn beliebte Schauspieler werden in Japan vom Publikum noch viel mehr verhätschelt als bei uns. Die beiden durch das Auditorium führenden Estraden heißen Hans mischi, d. h. „blumige Wege”, weil man den Lieblingen des Publikums dort vor ihrem Auftreten Blumen streut. Haben sie das Publikum zu besonderer Begeisterung hingerissen, so wird diese häufig in ähnlicher Weise zum Ausdruck gebracht, wie ich es bei den Stiergefechten in Spanien gesehen habe. Hüte, Schirme, Fächer, Pfeifen, Toiletteartikel aller Art werden dem abgehenden Schauspieler von zarten Händen zugeworfen, gerade wie einem siegreichen Torero, und diese Gegenstände werden dann in seiner Garderobe von den Eigentümern durch Bargeld oder andere Gegenstände wieder eingelöst.
Ob die Schauspieler diese Huldigungen nach unseren europäischen Begriffen verdienen, ist eine andere Frage. Der Mehrzahl der europäischen Besucher kommen diese Vorstellungen ungemein gekünstelt, unnatürlich und langweilig vor. Der ersten Vorstellung in einem japanischen Theater wohnt man gewöhnlich mit Interesse bei, aber damit ist der Reiz des Neuen und Ungewöhnten erschöpft, und wenige lassen sich verleiten, eine zweite zu besuchen. Nach meinen eigenen Erfahrungen halte ich das für unrichtig, denn erst, wenn man sich durch mehrmaligen Besuch an die Eigentümlichkeiten der dramatischen Kunst in Japan gewöhnt hat, kann man die Vorzüge der Darstellung beurteilen. Die Tradition scheint von den darstellenden Künstlern in Japan zu verlangen, daß sie auf der Bühne das Gegenteil des Natürlichen thun; ihre Bewegungen, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Thun und Lassen sind eher Zerrbilder der Wirklichkeit, aber auch darin liegt eine Kunst, die gelernt werden muß. In Bezug auf das Mienenspiel und den Gesichtsausdruck leisten die japanischen Schauspieler mitunter Großartiges, und da es bis vor wenigen Jahren in den hauptstädtischen Theatern an Rampenlichtern gefehlt hat, ließen sich die Schauspieler während der Handlung auf der Bühne durch schwarzgekleidete Diener begleiten, welche Lampions trugen, die an der Spitze von Bambusstäben hingen und den Schauspielern vor die Nase gehalten wurden, damit ihr Gebärdenspiel im wahren Sinne des Wortes in das richtige Licht gesetzt werde. Neben den Schauspielern befinden sich übrigens immer Diener auf der Bühne, um ihnen die Kostüme und die Frisur während der Handlung zurecht zu zupfen, Gerätschaften herbeizutragen, die Scenerie zu versetzen und dergleichen. Es wird dabei stillschweigend angenommen, daß diese Diener für das Publikum unsichtbar sind. Der Souffleur befindet sich ebenfalls auf der Bühne; zuweilen sitzt er an einem Tischchen an der Seite und erzählt mit unnatürlicher Stimme den Lauf der Handlung, oder preist die Kunst der Schauspieler oder singt, begleitet von einem Orchester, das in einem Bambuskäfig zu Rechten der Bühne auf dem Boden hockt und im Trommeln, Guitarrezupfen, Pauken- und Lärmschlagen Großartiges leistet. Am meisten pflegt sich dabei ein Musiker auszuzeichnen, der zwei kurze Holzstäbe in mehr oder minder rascher Folge aneinanderschlägt, je nachdem es die Handlung verlangt.
Während die Japaner sich mit diesen und anderen Einrichtungen an die Seltsamkeiten des Theaterwesens anlehnen, wie ich es in China, Siam und Java kennen gelernt habe, sind sie in einer Hinsicht sogar den Europäern vorangeeilt. Vor einigen Jahren besuchte ich in Neuyork das Madison Square-Theater und sah dort eine eben erfundene Einrichtung, welche es gestattete, auf offener Scene einen vollständigen Dekorationswechsel in weniger als einer Minute auszuführen. Unterhalb der eigentlichen Bühne befand sich eine zweite gleich große. Während auf der ersteren gespielt wurde, setzten die Bühnenarbeiter auf der zweiten unteren die nächstfolgende Scene. Auf ein gegebenes Zeichen wurde eine sinnreiche Maschinerie in Thätigkeit gesetzt. Die obere Bühne verschwand im Schnürboden, die untere trat an ihre Stelle, ein Zwischenakt war erspart. Diese amerikanische Erfindung war in Japan schon längst im allgemeinen Gebrauch, nur daß die beiden Bühnen nicht übereinander, sondern hintereinander liegen. Durch eine einfache Vorrichtung wird der ganze Bühnenapparat, ähnlich wie die Drehscheibe bei Eisenbahnen, um eine vertikale Achse gedreht, die vordere Bühne kommt nach hinten, die hintere mit ganz verschiedener Scene nach vorne, und das Spiel wird ohne Unterbrechung fortgesetzt.
Die Annahme europäischer Sitten und Gebräuche in so vielen Berufszweigen ist auch nicht ohne Einfluß auf das Theater geblieben. Man verlangt Darstellungen, die dem modernen Leben entnommen sind, man verkürzt ihre Dauer und verwendet immer mehr die freien Abendstunden für den Theaterbesuch. In Tokio hat man begonnen, unsere modernen Theatereinrichtungen anzunehmen, und nun sollen, wie eingangs erwähnt, auch die Frauen als Darsteller zugelassen werden. Um den Theaterbesuch so rege als möglich zu gestalten, werden an jedem Tage eine Anzahl kleinerer Stücke aufgeführt, und zwar pflegen die Direktoren zwischen historischen Darstellungen und Tragödien Possen und Balletvorstellungen einzuschieben. Die Billets können für jedes einzelne Stück gelöst werden, ähnlich wie es in den Zarzuela-Theatern in Spanien der Fall ist. Nur Oper und Operette fehlen in Japan noch gänzlich, und es wird kaum innerhalb eines Menschenalters dazu kommen, daß die Japaner an unserer Vokalmusik Geschmack finden. Die einzigen lyrischen Dramen, welche die Japaner kennen, sind die aus der klassischen Zeit stammenden No-Darstellungen, und diese sind noch viel einförmiger und langweiliger als die gewöhnlichen japanischen Theaterstücke. Immerhin sollten die Japaner ihrer Kaiserin dafür Dank wissen, daß sie dem Theater durch die Zulassung von Frauen neue Abwechselung und neue Anziehungskraft gegeben hat.
[3] Minnie Hauk.