Danjuro, der Salvini von Japan.

In rascher Folge kommen die Kurumas, gezogen von flinken, strammbeinigen Kulis, angefahren und entladen ihre Insassen, europäische Diplomaten und Offiziere, japanische Minister, Aristokraten und Beamte, reizende buntgekleidete Musmis, Frauen in jedem Alter, alle in das japanische Nationalgewand, den Kimono, gehüllt, alle mit Blumen und schönen Nadeln im Haar, den Fächer in der einen, den bunten Sonnenschirm in der andern Hand. Vor dem Eingang zu dem Shintomiza-Theater, dem vornehmsten von Tokio, ein Gedränge wie selten. Aber obschon Hunderte derselben Pforte zustreben, giebt es doch kein Drücken und Stoßen; mit der größten Höflichkeit machen die kleinen japanischen Menschlein einander Platz, verneigen sich tief voreinander, lächeln und entschuldigen sich mit vielen Worten. Man sieht, es ist die vornehme Welt der Hauptstadt, die sich heute hier Rendezvous gegeben hat. Unter Bücklingen überreichen die eleganten Damen dem Garderobier ihre Strohsandalen und Holzschuhe, nehmen unter Bücklingen dafür ihre hölzerne Garderobenummer in Empfang und betreten in ihren weißen Strümpfen das Innere des Theaters, um in den einzelnen Logen auf dem Boden Platz zu nehmen. Auch wir haben uns schon vor einigen Tagen eine Loge gesichert.

Die Vorstellung hat schon längst begonnen; wenn wir, und mit uns so zahlreiche Japaner der besten Stände, erst jetzt unsere Plätze einnehmen, so geschieht es deshalb, weil für diese Nachmittagsstunden das Auftreten des berühmtesten Schauspielers Japans, Danjuro, angekündigt war. Die ganzen, frühmorgens beginnenden, spät abends endigenden Vorstellungen mitzumachen, ist nur die Sache der mittleren und unteren Volksklassen Japans, für diese beginnen die tagelangen Aufführungen niemals früh genug und hören niemals spät genug auf. Glücklicherweise wird es nach den ersten Vorstellungen bald bekannt, um welche Stunde die besten Kräfte auftreten, die aufregendsten Scenen stattfinden, und dann pflegen die Theater zum Erdrücken gefüllt zu sein. Rechts und links von uns in den Balkonlogen, unter uns in den viereckigen Logenabteilungen des Parketts sitzen die Besucher, der größeren Zahl nach dem weiblichen Geschlecht angehörend, ausgestreckt auf dem Boden oder den Knien liegend, hocken in den verschiedensten Stellungen, essend, trinkend, rauchend; die verschiedenfarbigen, faltenreichen Gewänder, die Blumen in den Haaren, die Hunderte bunter, fortwährend bewegter Fächer vereinigen sich zu einem fremdartigen, malerischen Bilde. Aller Augen sind unverwandt auf die Bühne gerichtet, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit sehen sie den Scenen zu, die sie möglicherweise schon hundertmal gesehen haben und an denen dieses liebenswürdigste und genügsamste Theaterpublikum aller Länder immer wieder neuen Gefallen findet.

Dort oben auf der Bühne wird eben eines der Paradestücke Danjuros aufgeführt. Er selbst spielt gerade einen bejahrten Daimio aus der alten ritterlichen Zeit des japanischen Reiches; in die prachtvollsten goldgestickten Gewänder gehüllt, sitzt er starr und stumm auf dem Boden und kümmert sich nicht um die beiden Frauen, die, ebenfalls in herrlichen Kostümen, neben ihm kauern. Sie schluchzen und jammern und klagen, Thränen rollen über ihre Wangen und benetzen einen Gegenstand, den sie einander abwechselnd reichen und mit dem Ausdruck des höchsten Schmerzes an ihre Brust drücken. Bei genauerer Betrachtung sehe ich zu meinem Entsetzen, daß dies ein blutender Menschenkopf ist. „Mein Sohn, mein armer Sohn!” klagt fortwährend die ältere der beiden Frauen. „Mein Gatte!” ruft schluchzend die andere. Der Daimio zwischen beiden verzieht aber keine Muskel seines Gesichts. Kalt und teilnahmlos läßt er den Blick über das blutende Haupt seines einzigen Sohnes gleiten, des letzten Sprossen seiner Familie, der im Kampfe gegen die Armee des Mikado gefallen war. Auf ein stummes Zeichen von ihm entfernen sich die beiden Frauen.

Nun erhebt sich der Greis mühsam vom Boden und wendet sich langsam herum, um zu sehen, ob er wirklich allein sei. Niemand ist da, um Zeuge seines Schmerzes zu sein. Er atmet hoch auf und wirft sich plötzlich mit einer unnachahmlichen Gebärde der Verzweiflung über den am Boden liegenden Kopf. Sein ganzer Körper zittert, sein Greisengesicht ist in Thränen gebadet, während er das blutende Haupt mit dem wirren Haar und den verglasten Augen mit beiden Händen erfaßt und weit von sich haltend lange betrachtet; dann drückt er es an seine Brust und seine Wangen, verharrt eine Zeit lang in dieser Stellung und sinkt plötzlich wie leblos zu Boden, während das Haupt aus seinen Händen kollert.

Allmählich kehrt das Leben in den Körper des Greises zurück, er erhebt sich, seine Augen blicken teilnahmlos und verwundert umher, als suchte er sich die letzten Momente ins Gedächtnis zurückzurufen, dann zeigt eine schmerzliche Verzerrung seiner Gesichtsmuskeln, daß er das Bewußtsein seines entsetzlichen Unglücks wiedererlangt hat. Ein tiefer Seufzer entflieht seiner Brust, sein Gesichtsausdruck wird ruhiger, ja es hat den Anschein, als wäre es auch mit seiner Trauer vorbei. Nun zieht er langsam sein Schwert aus der Scheide und legt es neben sich auf den Boden; sorgfältig, bedächtig löst er Stück für Stück von seiner Kriegerrüstung; dann öffnet er die seidenen Untergewänder, läßt sich auf den Boden nieder, nimmt das Schwert und schlitzt sich damit den Leib auf. Das Blut entquillt der klaffenden Wunde, der entseelte Körper fällt zusammen, der alte Daimio hat Harakiri begangen.

Damit schließt das erste Stück, an welchem Danjuro teilnimmt, der Vorhang fällt, und erleichtert atmen alle auf. Nun begreife ich den Ruhm des japanischen Salvini, der seit nahezu fünfzig Jahren die Japaner entzückt und begeistert, gerade so wie vor ihm sein Vater, sein Großvater und so fort bis zurück in die neunte Generation vor ihm, eine ganze Dynastie von Danjuros, ein Schauspieleradel, der auf neun Ahnen zurückblicken kann. Mit dem Leben haben diese letzteren ihm auch ihre hohe Kunst eingeflößt, sie haben ihn in die Traditionen des alten klassischen Schauspiels eingeweiht; von Vater auf Sohn sind die Sitten und Gebräuche der ritterlichen Feudalzeit bis aus die Gegenwart herabgekommen und mit ihnen auch die alten Kostüme und Trachten, die Danjuro als die kostbarsten Erbstücke bewahrt und verehrt. In ihm ist das alte Japan verkörpert, und die Japaner, die ihn sehen, sehen in ihm ihre eigenen Vorfahren.

Nach kurzer Pause hebt sich der Vorhang wieder, und Danjuro, den wir eben als alten Ritter bewundert haben, erscheint jetzt als alte Frau. Mit staunenswerter Kunst hat er sein Gesicht in ein aristokratisches Frauengesicht verwandelt und trägt das Frauenkostüm mit so viel Anmut, daß man schwören könnte, eine Frau vor sich zu haben. Sie beweint und beklagt den Tod ihres Gatten; ihr Sohn steht vor ihr, schmerzerfüllt über den Verlust des Vaters und entschlossen, sich selbst den Tod zu geben. Doch seine Mutter ruft ihm mit bewundernswertem Pathos die Worte zu: „Hab ich dich dafür mit meiner Brust genährt? Ist das in der That mein Sohn, der sterben will, ohne den Tod seines Vaters gerächt zu haben?”