Der alte Liebling der Japaner interessierte mich in so hohem Grade, daß ich mit Freuden den Antrag meines Dolmetschers annahm, das nächste Stück auf der Bühne zuzubringen und den Künstler persönlich kennen zu lernen. Aber gerade so wie in manchen anderen Ländern ist auch in Japan der Künstler vor den Kulissen ein anderer als hinter den Kulissen, und Danjuro ist ein ebenso eitler Geck wie viele seiner Kollegen in den uns näher liegenden Ländern. Ja er treibt es mit seinem Ruhme noch viel ärger. Ihn auf der Bühne oder in seinem Zimmer zu besuchen, ist nämlich nicht etwa eine Auszeichnung, sondern ein einfaches Geldgeschäft. Wie man zahlt, um in das Theater zu gehen, so zahlt man in Japan noch einmal, um die Lieblingsschauspieler des Landes in ihrem Toilettenzimmer zu sehen und von ihnen empfangen zu werden. Eine ganze Menge von Bewunderern umstanden den Eingang zu Danjuros Garderobe, und sein japanischer Impresario war gerade damit beschäftigt, ihnen gegen Erlag eines mehr oder minder großen Lösegeldes ihre Hüte und sonstigen Toilettegegenstände, die sie dem Schauspieler in ihrem Enthusiasmus zugeschleudert hatten, wieder zurückzugeben. Andere hatten Einlaß in das Heiligtum gefunden, und es war ergötzlich, die tiefen Verbeugungen und Huldigungen zu sehen, mit denen sie Danjuro begrüßten. Er selbst nahm diese mit anscheinend gleichgültiger Miene als etwas Selbstverständliches entgegen. Allmählich wurde er freundlicher, und als ihm einer seiner Verehrer vermutlich eine besondere Schmeichelei gesagt hatte, ließ er sich so weit herab, ihn mit einer Nadel aus seinem Haare zu beschenken; einigen Damen schrieb er seinen Namen in schwungvollen Zügen auf den dargereichten Fächer, und schließlich bereitete er sogar eigenhändig Thee zu und reichte den Damen die kleinen gefüllten Schälchen dar.
Die Zeit verrann, die Besucher verließen die Bühne, und Danjuro mußte daran denken, seine Toilette für das nächste Stück zu machen. Von seinem Zimmerchen oberhalb der Bühne konnte er diese ganz übersehen, und wie eine eigensinnige Primadonna begann er nun seine Anordnungen herunterzuschreien; nichts schien ihm recht zu sein; nervös ließ er sich dabei von drei oder vier unterthänigen Dienern die Kleider ausziehen, schließlich nahm er vor einem großen Spiegel auf dem Boden Platz, um sein Gesicht zu bemalen. Er sollte zunächst als japanische Tänzerin auftreten, und mit erstaunlicher Geschicklichkeit schuf er sich mit einer wachsartigen Salbe eine andere Nase, malte sich neue Augenbrauen, ließ sich Haar und Chignon zurechtrichten und schließlich die wunderbarsten Kleider anlegen, die in großen Bambuskörben verwahrt waren. Danjuros Garderobe hat nicht wenig zu seinem Ruhme beigetragen. Er besitzt viele Dutzende der kostbarsten alten Kleider aus Brokaten und anderen Stoffen, die in Bezug auf Qualität, Form und Zeichnung geradezu einzig sind. Viele sind seit Generationen Erbstücke in seiner Familie, nicht nur Theaterkleider, sondern wirkliche Rüstungen und Hofkleider alter Fürsten, die seinen Vorfahren zum Geschenk gemacht wurden und deshalb neben dem reellen auch historischen Wert besitzen. Seine Waffen, Pfeifen, Fächer, Ornamente aller Art sind wahre Prachtstücke, und mit Stolz zeigt er sie zuweilen selbst seinen Günstlingen oder Schülern. Vor einigen Jahren wurde ein Teil dieser Garderobe gestohlen. Die ganze Polizei von Tokio wurde aufgeboten, und nach langen Nachforschungen gelangte man wieder in den Besitz der gestohlenen Stücke. Als sie aber Danjuro gebracht wurden, wies er sie stolz zurück; niemals, so äußerte er sich, würde er wieder Kleidungsstücke anlegen, die durch die Hand von Dieben entweiht worden wären.
Theaterstraße in Yokohama.
Der alte Mime hatte die Vorstellung so lange aufgehalten, bis er mit seiner Toilette fertig war, dafür war auch die Verwandlung in eine jugendliche Tänzerin so vollkommen, daß ich Danjuro in dieser niemals wiedererkannt hätte. Wir eilten nach unserer Loge zurück. Eben geht der Vorhang, ein Geschenk des Königs Kalakaua von Hawai, in die Höhe; ein halbes Dutzend Trommler erscheinen, gekleidet in die herrlichsten, blumenbestickten Seidengewänder, Trommeln in der Form von riesigen Sandgläsern auf dem Rücken, und kauern im Hintergrunde der Bühne auf dem Boden nieder. Ihnen folgen ebensoviele Musiker mit dem nationalen Musikinstrument der Japaner, dem Samisen, einer Art Guitarre. Die Trommler schlagen auf ihre Felle, die Guitarrespieler zupfen an ihren Samisensaiten, und Danjuro erscheint in geradezu traumhaft schönen, überreichen Gewändern, feenhaft leicht und graziös, das Vorbild eines japanischen Gaishamädchens. In der Mitte der Bühne angekommen, führt der Greis, den wir schon als Daimio und als alte Frau bewundert hatten, die berühmtesten Tänze der losen Gaishamädchen auf, wobei es seinem hohen Alter allerdings sehr zu statten kam, daß die japanischen Ballerinen ihre Tänze mit allen Teilen des Körpers, nur nicht mit den Beinen ausführen, und daß diese letzteren den Blicken des Publikums verborgen bleiben. Während unsere Ballettdamen in Bezug auf die Dekolletierung die äußersten Grenzen des Möglichen zu erreichen trachten, suchen ihre japanischen Kolleginnen im Gegenteil so viel der kostbarsten Stoffe als nur möglich auf sich zu häufen und jeden Körperteil, mit Ausnahme des Gesichtes, der Hände und der Fußspitzen zu verbergen, die verkehrte Welt. Ein geistreicher Mann hat einmal ganz richtig gesagt: „La décense commence, où finit la beauté!” Das gilt aber nur für Europäerinnen; ihre japanischen Schwestern haben das Wort „décence” nicht in ihrem Dictionnaire, denn dieselben Gaishamädchen, die bei ihren Tänzen ein ganzes japanisches Modemagazin auf ihr winziges Körperchen laden, baden vielleicht in ihrem Heimatdorfe auf offener Straße ohne das geringste Feigenblatt.
Danjuro tanzt ein Viertelstündchen lang; dann springt ein schwarzgekleideter Theaterdiener vor und hält eine Decke mit ausgestreckten Armen derart vor den Tänzer, daß dieser den Blicken des Publikums verborgen bleibt. Andere Diener mit schweren Kleidern auf den Armen erscheinen, und auf der Bühne, während Trommelschlag, Samisengezupfe und der miauende Gesang eines verborgenen Chors ertönen, wechselt Danjuro seine Toilette. In dieser, womöglich noch schöneren, führt er einen zweiten Tanz auf, ebenso graziös, aber ebenso monoton wie der erste. Ein dritter und vierter folgt, und schließlich kommt der Knalleffekt, das Auftreten der Damen Fukiko und Dschisuko, der Töchter Danjuros, als Tänzerinnen in Gemeinschaft mit ihrem Vater. Für die anwesenden Japaner mögen sie bewundernswerten Reiz und jugendliche Anmut in noch höherem Grade besitzen als der Vater, uns Europäern sind diese feinen Unterschiede nicht ganz verständlich. Unseren Begriffen nach erreicht niemand den alten Danjuro in Gesichtsausdruck, in der Klarheit und Deutlichkeit der Sprache, bei der jede einzelne Silbe, jeder Laut seine Bedeutung hat und die so manchem unserer europäischen Mimen als Muster dienen könnte, schließlich auch in der Pracht der Kostüme, sowie in der Leichtigkeit und Natürlichkeit, mit welcher Danjuro sie trägt.
Der alte Knabe nimmt in dem Shintomiza-Theater natürlich die erste Stellung ein, und seine festen Bezüge sind die höchsten, die je einem japanischen Schauspieler gezahlt wurden, dreitausend Yen, etwa sechstausend Mark jährlich. Was mögen unsere Salvinis und Rossis, die solche Summen für einen einzigen Abend erhalten, dazu sagen? Freilich tritt Danjuro auch in anderen Theatern Tokios und der Provinzstädte auf und verdient sich mit derlei Gastvorstellungen, mit Geschenken und Unterricht vielleicht noch ebensoviel. Die jüngeren Schauspieler spielen jahrelang ohne irgendwelche Bezüge in seiner Gesellschaft, nur um von dem großen Meister zu lernen, ja sie zahlen für den Vorzug, mit ihm auftreten zu können. Durch sie erhält sich auch auf der japanischen Bühne die alte Ueberlieferung, auf die man im Reiche des Mikado noch immer große Stücke hält, trotz des modernen Realismus, dessen Hauch mit der europäischen Kultur auch zu diesen Antipoden gekommen ist und das japanische Theater zu beeinflussen beginnt.
In seinem Privatleben ist Danjuro ein japanischer Gentleman, dessen Hauptleidenschaft das Angeln ist. Danjuro ist übrigens nur ein Theatername, der sich aus dem sechzehnten Jahrhundert von Vater auf Sohn bis zum heutigen Träger vererbt hat. In Japan führen nämlich merkwürdigerweise Maler, Schriftsteller und Schauspieler ebenso angenommene Namen wie bei uns. Seinen Freunden ist Danjuro unter seinem wirklichen Namen Horikoschi Schu bekannt.
Danjuro ist indessen nicht der einzige Repräsentant aus alten japanischen Theaterfamilien; allerdings hat keiner eine so große Zahl von Theaterahnen aufzuweisen wie er, aber doch giebt es einige Schauspieler, in deren Adern Jahrhunderte altes blaues Komödiantenblut rollt. So ist der nächst Danjuro beliebteste Schauspieler Genoske der vierte seines Namens. Auch Sodansche, ein Vetter Danjuros, hat mehrere Ahnen, aber dennoch werden selbst diese Schauspieler von der guten Gesellschaft in Japan gemieden und stehen in einer Art sozialem Bann, gerade so wie unsere eigenen Thaliajünger noch im vorigen Jahrhundert. Mit den modernen Anschauungen, die heute in Japan herrschen und immer mehr um sich greifen, dürften auch die Vorurteile gegen die Schauspieler allmählich verschwinden; mit ihnen wird aber auch die altjapanische klassische Bühnenkunst verschwinden, deren hervorragendster Vertreter heute noch der alte Danjuro ist.