Gelegenheitsdichterin. Einübung eines Liedes.

Litteratur und Zeitungswesen in Japan.

In früheren Zeiten brachte die japanische Litteratur manches Schöne zum Vorschein; aber man würde weit vom Ziele schießen, wollte man annehmen, sie hätte sich jemals auf der gleichen Stufe mit der japanischen Kunst und Kunstindustrie befunden. Wohl reicht sie zurück in jene Zeiten, als wir Germanen noch Barbaren waren, und hat Werke aufzuweisen, wie das Koschiki, das aus dem Jahre 712, und das Nihondschi (japanische Chronik), das aus dem Jahre 720 stammt, aber die Romandichtung hat sich niemals auf besondere Höhe emporgeschwungen, und man würde gar nicht fehlgehen, den Roman von Tamenaga Schunsui „Treu bis in den Tod” nach unseren Begriffen als den besten zu bezeichnen, welchen die japanische Litteratur besitzt. Er ist auch in Japan selbst der populärste. Die ersten Dichtungen stammen aus dem elften Jahrhundert, und merkwürdigerweise waren ihre Verfasser auch in den folgenden Jahrhunderten bis auf die neuere Zeit hauptsächlich Damen. Griffis sagt darüber: „Im Mittelalter war es ein Hauptzeitvertreib der Hofgesellschaft, Gedichte zu schreiben und vorzutragen. Der Kaiser selbst ehrte eine Dame oft dadurch, daß er ihr ein Thema für ein Gedicht angab, und ein glücklicher Gedanke, eine wohlklingende Stanze oder ein hübscher Vortrag genügten, die betreffende Dame zur Ehrendame des Hofes, zur kaiserlichen Konkubine, ja selbst zur Kaiserin zu machen. Ein anderes Vergnügen bestand darin, Geschichten zu schreiben und vorzulesen, und so entstanden die Monogataris, aus welchen wir das Hofleben Japans im zehnten und elften Jahrhundert kennen lernen; die Edelleute und Edelfrauen der damaligen Zeit treten vor uns in all ihrer Frivolität, aber auch mit all der Eleganz ihres damaligen, in so aristokratischen Kreisen sich bewegenden Daseins.” Wir lernen aus diesen Schriften ihr Denken, ihre Liebeständeleien, ihre ewigen Mondlichtschwärmereien kennen, ebensogut wie die Gesellschaften, die sie veranstalteten, und die Kleider, die sie bei solchen Gelegenheiten trugen. Das erste aus jener romantischen Zeit stammende Buch ist ein Märchen, Taketori monogatari, d. h. Die Erzählung vom Bambusflechter, in welcher die Abenteuer eines Mädchens geschildert werden, das aus dem Monde nach unserer Erde verbannt wurde. Das bedeutendste und berühmteste Buch jener Zeit ist das Gendschi monogatari, von Murasaki Schikibu, der Tochter des Daimio von Etschizen, im Jahre 1004 verfaßt. Die schönste und reinste Sprache soll in ihren Dichtungen eine Konkubine des Kaisers, Sei Schonagan, besessen haben, die ebenfalls im elften Jahrhundert lebte. Die Männer schrieben damals und auch noch in den späteren Jahrhunderten nicht das reine Japanisch, sondern gebrauchten zahlreiche chinesische Ausdrücke, wie wir in unserem Mittelalter Griechisch und Lateinisch gebrauchten. China war das Griechenland von Ostasien; von dort stammten Wissen, Religion, Künste und Litteratur; nur die Frauen pflegten die reine japanische Sprache; einer der besten Kenner der japanischen Litteratur, W. G. Aston, sagt darüber: „In der Geschichte der Litteratur steht die Thatsache einzig da, daß der größte Teil der besten litterarischen Leistungen einer Nation aus der besten Epoche das Werk von Frauen ist.”

Nach der Wiedereinsetzung des Mikado in die weltliche Gewalt war es das Bestreben der leitenden Staatsmänner, die alten Traditionen wieder aufzufrischen; einmal in jedem Jahre, gewöhnlich im Januar, wird ein Thema zur poetischen Bearbeitung ausgeschrieben, und die ganze Nation kann an diesem Preisdichten teilnehmen. Auch der Kaiser, die Kaiserin und die höchsten Würdenträger senden ihre Arbeiten ein, die durchweg aus einunddreißig Silben in fünf Zeilen zu bestehen haben. 1889 war das Thema: Gebet für die Dynastie in einem Shintotempel, 1890 war es: Patriotische Glückwünsche, 1891: Die Langlebigkeit des grünen Bambus und dergleichen. Der bekannteste und gelesenste Novellist Japans ist wohl Bakin (1767 bis 1848), dem die japanische Litteratur nicht weniger als zweihundertneunzig Werke verdankt, darunter solche mit Dutzenden von Bänden. Das bedeutendste Werk dieses fruchtbaren Dichters ist Hakkenden, d. h. Die Geschichte von acht Hunden, in hundertundsechs Bänden. Eines der hübschesten von Bakins Büchern heißt „Die Gefangenen der Liebe” und wurde ganz kürzlich von einem Amerikaner, Edward Grey, ins Englische übersetzt. Glücklicherweise hat der Uebersetzer die Eigentümlichkeiten der japanischen Ausdrucksweise so viel wie möglich beibehalten, vor allem die steifen Höflichkeitsformeln, die sich so anhören, als ginge die Sprache auf Stelzen. In den „Gefangenen der Liebe” handelt es sich um zwei Samurai, die gegen die Ehre gesündigt haben, und um einen Jägersmann, der sich gegen die Religion vergangen hat, und nicht nur diese drei Personen, auch ihre Kinder werden dafür vom Zorn des Himmels verfolgt. Der Jäger hatte dadurch, daß er wie ein Priester betete, den heiligen Hirsch von fünf Farben in den Bereich seines Bogens gelockt und durch einen gutgezielten Pfeil getötet. Die beiden Samurai aber hatten ihren Daimio, Nitta Yoschisada, als dieser mit einem schwachen Gefolge von einem dreitausend Streiter zählenden Feind angegriffen wurde, nicht verteidigt, sondern waren feige geflohen.

Der ältere Samurai, Ritter Itara Tarago Takeyasu, trat in den Dienst eines anderen Daimio und heiratete Haschibusa, die Maitresse eines heruntergekommenen Priesters Namens Saikei, welcher der Sohn des obenerwähnten Jägers ist. Haschibusa vergiftet ihren Gatten zufällig dadurch, daß sie eine Eidechse in den Brunnen fallen läßt, aus dem der Samurai seinen Theetopf füllt. Der jüngere Bruder des Samurai, Ritter Itara Schiro-Schiro-Takeakira, schwört Rache, und in der Meinung, in der Dunkelheit den Priester Saikei vor sich zu haben, schlägt er der Witwe seines Bruders, Haschibusa, den Kopf ab. Er wird wegen Mordes angeklagt und begeht Harakiri.

Die Frau des Jägers stirbt an demselben Tage, an welchem der Jäger mit dem toten Hirsch von fünf Farben heimkehrt, und neun Jahre später stirbt er selbst an Wasserscheu. Ebenso ereilte seinen Sohn ein unnatürlicher Tod, und jeder, in dessen Besitz das Hirschfell gelangt, geht elend zu Grunde. Nach vielen Abenteuern wird auch Saikei, der Sohn des Jägers, von Taye, der Tochter des jüngeren Samurai, ermordet, und die Geschichte hat damit ihr Ende.

Bakin hat in seine Erzählung auch übernatürliche Elemente eingeflochten. Saikei hat einmal den Donner aus den Aesten eines Baumes befreit, in welche sich dieser verfahren hatte. Dafür schützt ihn die Frau des Donners eine Zeitlang vor den Verfolgungen der Taye; ja sie läßt ihn sogar während einer zeitweiligen Erlahmung des Donners dessen Platz in den Wolken einnehmen.