Sehr naiv sind die vielen Randbemerkungen, welche Bakin seiner Erzählung beifügt. So sagt er vom Donner ganz ernstlich: „Die Erde ist voll von Schwefel und Salpeter, die in Form von Dunst emporsteigen und oben sich vereinigend zu Dampf werden, der die Eigenschaften von Schießpulver hat. Wenn dieser Dampf sich der Sonnenhitze zu sehr nähert, so entzündet er sich plötzlich, und die Explosion wird in der ganzen Welt gehört.”

An einer anderen Stelle, wo er von Mord und Totschlag seiner Romanhelden erzählt, sagt er in einer Randnote: „Es ist manchmal schwer, die Sucht, Böses zu stiften, zu beherrschen, aber wenn Du Dich (Leser) nur ernstlich bestrebst, gut zu sein, so wird es schon gelingen. Ich wünsche sehr, daß dies geschähe. Bakin.”

Nächst Bakin und Tamenaga Schunsui wird wohl Schippenscha Ikku der geistvollste moderne Romanschreiber sein; seine Dichtung Hiza Kurige zählt zu den ersten Meisterwerken der japanischen Litteratur. Ikku schildert darin mit sehr viel Humor die Abenteuer zweier armer Schlucker, welche zu Fuß den weiten Weg auf dem Tokaido von Kioto nach Tokio zurücklegen.

Im ganzen und großen ist die Romanlitteratur Japans lange nicht so reichhaltig, als man in Europa anzunehmen scheint, und nur die wenigsten Werke sind für Europäer wirklich ansprechende Lektüre. Unter ihnen nimmt gerade der eben in deutscher Uebersetzung erschienene Roman von Tamenaga Schunsui, wie gesagt, die erste Stelle ein, weil er auf den erhebendsten Ereignissen der japanischen Geschichte fußt, und die Japaner können von Glück sagen, daß sie gerade mit diesem Roman in der europäischen Leserwelt debütierten. Der weitaus größte Teil der japanischen Romane sind eher Ammenmärchen oder abenteuerliche Geschichten für Schuljungen. Basil Hall Chamberlain, Professor an der kaiserlichen Universität von Tokio und auch von den Japanern als der beste Kenner ihrer Litteratur angesehen, sagt darüber den Japanern ins Gesicht: „Es finden sich in ihren Erzählungen manche hübsche und geistreiche Stellen; sie sind auch von großem Werte für Philologen, Archäologen, Geschichtsforscher, aber vieles, was die Japaner in ihrer Litteratur am höchsten schätzen, ist nach europäischem Geschmacke unausstehlich fade und nichtssagend. Die Romane sind ebenso langweilig wie die Geschichtswerke, und viel zu langatmig.” An einer anderen Stelle sagt Chamberlain gerade von dem Meister des japanischen Romans, von Bakin: „‚Wie unnachahmlich!‘ rufen die Japaner entzückt von Hakkenden, einem Roman, den jeder gelesen und wiedergelesen hat, bis er ihn beinahe auswendig kennt. ‚Wie ausgezeichnet!‘ Ausgezeichnet, ja, antwortet der Europäer, ausgezeichnet zum Einschlafen, mit seinen langweiligen Schilderungen unmöglicher Abenteuer, die sich durch hundertundsechs Bände winden. Die japanische Litteratur ist ohne Genius, ohne Gedanken, ohne Logik, Tiefe und Breite, ohne Vielseitigkeit.”

Das ist das Urteil jenes Gelehrten, der in seiner Stellung am ersten berufen ist, ein solches zu fällen. Die Japan-Enthusiasten, die alles in den Himmel erheben, was aus Japan kommt, was Japan thut und Japan läßt, können aber auch andere anerkannte Autoritäten zu Rate ziehen, sie werden überall das gleiche Urteil finden, Satow, Griffis, Aston und so fort. Vielleicht werden diese Enthusiasten erwidern, daß die moderne japanische Litteratur seit der Restauration des Mikado zu größeren Hoffnungen berechtigte. Chamberlains Urteil ist in dieser Hinsicht geradezu vernichtend. In seinen Things japanese, ein Buch, das 1891 in Yokohama erschienen ist, heißt es darüber in sehr bemerkenswerter Weise:

„Die Eröffnung des Landes (der europäischen Kultur) hat der eigentlichen japanischen Litteratur den Todesstoß versetzt. Wohl verlassen die Presse jährlich Tausende von Büchern und Broschüren, also vielleicht mehr als jemals zuvor. Aber die Mehrzahl davon sind Uebersetzungen europäischer Werke oder Bücher, von europäischen Ideen beeinflußt. Das ist auch natürlich und ganz in Ordnung. In jedem Wissenszweig wird von der gegenwärtigen Schule europäisierter Autoren, wie Fukuzawa, Nischi Schu, Kato Hiroyuki, Toyama Masakazu und anderen ungemein viel den Japanern zugänglich gemacht. Aber natürlicherweise interessieren diese Uebersetzungen, Umschreibungen und Nachahmungen den europäischen Leser, dem die Originalwerke zur Verfügung stehen, viel weniger als die japanischen Bücher des alten Regime. Selbst die japanische Romanschreiberei geht nun nach europäischem Muster von statten. Nicht nur Methoden werden im Bausch und Bogen angenommen, sondern ganze Geschichten, und die europäischen Namen werden in japanische umgewandelt, z. B. Schmidt in Schimidu, Elisa in O Riza und andere. Europäische lokale Verhältnisse werden den japanischen Verhältnissen angepaßt.... Wir würden gerne zehntausend gegen eins wetten, daß nicht ein einziger Leser dieses Buches (Things japanese) jemals den Helden des volkstümlichsten Romans erraten würde, das unter dem gegenwärtigen Herrscher erschienen ist. Er ist Epaminondas. Das fragliche Werk nimmt sich unter dem Titel Keikoku Bidan das ganze Feld der thebanischen Politik zum Vorwurf. Ein Grund der ungeheuren Verbreitung des Werkes ist wohl der, daß nicht wenige Stellen des Inhalts ohne viel Schwierigkeit auf die moderne japanische Politik gedeutet werden können. Der Verfasser, Yano Fumio, hat sich aus dem Ertrag des Buches ein schönes Haus gebaut und eine Reise nach Europa unternommen.”

„Eine andere erfolgreiche Novelle, Kaschin no Kigu, beginnt im Kapitol zu Washington, wo ein Japaner seinem Begleiter die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vorliest. Die Karlisten, die schlimmen Engländer, welche die Aegypter ihres eingeborenen Helden Arabi Pascha beraubten, alles das erscheint in kaleidoskopartiger Mannigfaltigkeit in diesem Werke, das, merkwürdig genug, im klassischen chinesischen Stil geschrieben ist.”

So weit Professor Chamberlain. Freilich wäre es doch möglich, daß gerade wegen der so weitgehenden, um nicht zu sagen, ausartenden Europäisierung der japanischen Litteratur eine Gegenströmung zum Vorschein käme, wie ich sie in Japan in Bezug auf Kleidung, Manieren, Kunst, Theater vielfach bemerkt habe. Es bestehen jetzt schon eine Anzahl Vereine zur Pflege der alten Traditionen, zur Erhaltung des geschichtlichen vormärzlichen Japan, wenn man so sagen darf. Aber es ist doch eine eigene Sache, wenn eine Litteratur wie eine Treibhauspflanze künstlich gepflegt und erhalten werden muß. Der innere Wert, die auf dem Leben und Treiben des Volkes ruhende Grundlage, Kraft und Saft, fehlen gewöhnlich derartigen Erzeugnissen, und wird schwerlich mehr in Japan ein zweiter Sumschin, ein zweiter Bakin kommen. Kommt er aber, so wird auch sein Geist, gerade so wie er selbst, europäische Formen zeigen.

Zum Schlusse noch ein Wort über die japanischen Bücher. Bei Romanen und Novellen, Märchen und alten Geschichtswerken wird auch heute noch die alte Form angewendet; die Papierbogen, lange Streifen, werden nur auf einer Seite bedruckt und dann in dem Format unserer Bücher so zusammengefaltet, daß die bedruckten Seiten die Außen-, die leeren die Innenseiten bilden. Dann werden diese gefalteten Bogen mit Bindfaden zusammengeheftet, und ein dünner Umschlag wird darübergeklebt. Würde man die Blätter aufschneiden, so würden auf diese Weise immer zwei bedruckte und zwei leere Seiten einander folgen. Aber die Blätter der japanischen Bücher werden nicht aufgeschnitten. Umschläge und Text sind sehr häufig in künstlerischer Weise mit farbigen Bildern ausgestattet. Die Seiten sind nicht numeriert, und wie bei arabischen und chinesischen Werken befindet sich der Titel auf der letzten Seite. Das Papier ist viel leichter, fester und weicher als jenes der europäischen Druckwerke. In neuester Zeit ist weiches, geripptes Papier für Märchenbücher und ähnliche Druckwerke sehr beliebt geworden. Die eigentümlichen, crêpeartigen Rippen werden dadurch hergestellt, daß die bereits gedruckten Bogen über Bambusstäbe gepreßt werden, deren Faserzeichnung das Papier dadurch annimmt.