[a]19. Kapitel.]
Schußfestigkeit und Verteidigung des Herrn.
Wenn manche Hunde auf Schuß ausreißen, und sogar schußscheue Jagdhunde vorkommen, so ist nervöse Veranlagung, der nicht rechtzeitig entgegengetreten wurde, sowie ein erstmals in nächster Nähe abgegebener Schuß schuld. Der Jäger schießt vom Hund weg auf ein Ziel, der Jagdhund muß auf Schuß sich legen und Befehl abwarten. Der Schuß gegen Herrn des Schutzhundes kommt in der Richtung auf diesen. Also ist hier die Gewöhnung eine andere. Der Abfeuernde soll nie der Herr sein, sondern immer ein Zweiter,
ein Feind. — Der Gehilfe erhält einen Revolver, geladen mit Platzpatrone-(ohne Kugel, anfangs wenig Pulver); er hat sich im freien Gelände, etwa 100 m weit aufzustellen und zunächst nur durch lebhafte Bewegung und rüden Anruf auf sich aufmerksam zu machen. Der Hund steht angeleint links vom Herrn. Der erste Schuß fällt, Kommando: „Gib Laut!”. Man lobt, hält den Hund zurück. Der Gehilfe nähert sich auf Wink, gibt weiteren Schuß ab. Je lebhafter der Hund bellt, desto weniger hört er die Schüsse, deren letzter auf höchstens 6 m Nähe erfolgen darf. Jetzt rückt man mit dem Hund vor, worauf der Gehilfe sofort zurückweicht. Hier wie bei allen Mannübungen muß der Hund immer den Eindruck haben, daß er der Sieger sei, der mit drohendem Bellen den Feind in die Flucht schlägt. Aber nie darf Manndressur und Angriff mit einem Hund geübt werden, der nicht eine volle systematische Dressur hinter sich hat und fest im Appell ist. Bei scharf veranlagten, kräftigen Rassen könnten Mißverständnisse von Schuß, Bewegung, Verwechslung des Gehilfen oder dgl. zu verhängnisvollen Folgen führen. Man muß immer wissen, wo man nur anleiten und mehr den Zurückruf üben muß, und wo man den etwas schüchternen Hund zum Draufgänger steigern kann. Also Vorsicht bei Schäferhunden, Rottweiler, Dobermannpinscher, Doggen, Bulldoggen; bei diesen wird nicht scharf gehetzt, sondern nur die Richtung angegeben und Gehorsam geübt. Den regungslos stehenden Menschen (oder Gehilfen) hat der Hund nur zu verbellen, nie anzugreifen. Das Bewachen erfolgt in liegender Stellung, Kopf in Richtung des Feindes. Reagiert der Schutzhund auf den „Verbrecher” nicht, so wird er wie folgt immer scharf zu machen sein. Der Hund steht an kurzer Leine an linker Seite des Herrn; der Gehilfe in auffälliger Kleidung (umgedrehter Joppe) nähert sich mit einem größeren Ast, ärgert damit mit krächzenden Tönen den Hund. Entweicht sofort, wenn dieser auf Kommando bellt, begibt sich auf erhöhte Stelle (Mauer, auf Baum mittels
angelegter kurzer Leiter), so daß ihn der Hund keinesfalls erreichen kann. Von obenher reizt er den Hund mit dem Ast; gibt dieser lebhaft Laut, so kommt der Herr hinzu, lobt ihn und führt ihn weg an der Leine, doch nur wenige Schritte, worauf der Hund frei „an Fuß” als Gehorsamsübung zu folgen hat. Systematische Dressur zum Fassen des Gehilfen („Verbrechers”) erfordern Hetzgewand, Schutzärmel, Dressurplatz und sollte von Laien nur unter Anleitung erfahrener Dressurleiter im Polizeihundverein, Schäferhundverein erfolgen. Vieles Üben und Beißenlassen wird besser vermieden; man erzieht damit bißwütige Hunde. Ist ein Hund nicht scheu, hat er nur einige Male den flüchtenden Gehilfen verfolgt, so weiß er im Ernstfall von selbst von seinen Zähnen Gebrauch zu machen. Allerdings soll der Schutzhund auch nicht ausreißen, wenn ihm jemand mit Ast oder Stock droht, und das ist nur damit zu erreichen, daß man einen Gehilfen gegen den angeleinten, dicht beim Herrn stehenden, bellenden Hund vorgehen läßt. Zieht er sich scheu zurück, so wächst dem Hund sofort der Mut, er geht vor und weicht auch nicht zurück, wenn absichtlich ungeschickte Schläge zunächst nur auf den Boden klatschen. Erst wenn der Hund wütend bellt, darf ihn ein Schlag mit Ast berühren, wird aber dann nicht schaden, sondern den Hund nur angriffsmutiger machen. Immer muß der Herr dabei stehen, animieren, aber doch den Hund so kurz halten, daß eine Verletzung des Gehilfen ausgeschlossen ist. Plötzlich steht dieser ganz still, dann wird auch der Hund mit kurzem Kommando „ab ! Leg dich”, zur Ruhe verwiesen. Den gegebenen Schutzhund liefert die Züchtung, erzieht die Liebe zum Herrn. Nicht die Hetzarbeit, die oft verdirbt und fast nur für Hundebesitzer in einer gefährdeten Berufsstellung angezeigt ist. Hunde an die Kette der Hütte anzulegen und necken zu lassen, veranlaßt sie zwar bei jedem geringfügigen Anlaß zu bellen, zu schnappen und sich wie toll zu gebärden, macht also einen drohenden Kettenhund, aber niemals einen zuverlässigen Schützer. Von der
Kette und dem örtlichen Rückhalt wie Hütte gelöst, sind solche Hunde meist feige, schnappen höchstens aus Angst für sich selbst von rückwärts zu. Der richtiglernende Beschützer kann nur durch den fingierten Angriff gegen ihn, wenn er dicht beim Herrn steht, oder gegen den Herrn selbst im Dunkeln zum Begreifen des Schützens gebracht werden. Auch der tobende „Verbrecher” hinter einer Holzwand, der den Hund reizt, führt nicht auf das Ziel Schutz, sondern zur Rauflust, die dann erst wieder gebändigt und in gesunde Richtung gestellt werden muß.
[a]20. Kapitel.]
Korrektur verdorbener Hunde.
Ein Erzieher und Dresseur, der selbst erst einen Hund verdorben hat, eignet sich auch nicht zur Berichtigung, die noch weit höhere Anforderungen an Konsequenz, Geduld, Ruhe, Eingehen auf den Charakter fordert. Unbedingt hoffnungslos ist kein jüngerer Hund, den man aus fremder Hand mit Fehlern mangelhafter Dressur, hand- oder schußscheu, zum Entweichen geneigt erhält. Die Hauptbedingung ist, daß der Hund und neue Herr sich innig aneinander anschließen, sehr viel beisammen sind, daß der auf Straße etwa unbändige, Wagen nachprellende, rauflustige, Geflügel hetzende Hund möglichst wenig Gelegenheit zu Übeltaten findet, solange er nicht eine vollständige neue systematische Dressur (Kapitel 13 bis 17) durchgemacht hat, als ob er noch nie etwas gelernt hätte. Und von allen Übungen reichliche Wiederholungen unter peinlichster Beachtung des vorgeschriebenen Anlegens und dazu „Setz dich”. Vor Beginn des Kursus muss man einige Tage der Woche weiten Spaziergängen oder Radtouren in allerlei Gegenden vor der Stadt opfern. In den Straßen aber an kurze Leine links „am Fuß”. Niemand füttert als der Herr, in dessen Schlafzimmer (oder nebenan bei offener Tür das Schlaflager („Platz”) sich befindet. Fremden Hunden,
Wagen, Autos, allem, was der Hund scheut oder ihn reizt, weicht man nicht aus, sondern führt den Hund so dicht als möglich vorbei. Hier wie bei allen sonstigen Gelegenheiten wird viel mit ihm gesprochen. Je mehr der Hund lernt (Kapitel 17) und man übt, desto besser. Er muß seine ganze Vergangenheit vergessen, viel Bewegung haben und Abends müde sein. Der neue Besitzer soll womöglich den früheren Herrn (aber nicht in Gegenwart des Hundes) persönlich kennenlernen und dessen Wesen studieren, damit er in allen Kundgaben zum Hund sich auf das Gegenteil einstelle. Spricht jener laut, rasch, lebhaft, so übertreibe er im Verkehr mit dem Hund das Gegenteil. Dieser muß sich immer beobachtet wissen und mit dem Herrn verbunden fühlen. Ehe Befehle erfolgen, muß sich der Hund setzen, den Herrn anblicken lernen, das Kommando abwarten und ablesen. Hat man aber dazu nicht Zeit, so fange man besser den Versuch gar nicht an, verschiebe den Erwerb auf die Ferien. Man glaube nicht, daß man mit Strafen einen verstockten Jungen oder Hund korrigieren könne; damit mag man ihn höchstens zurückhalten, solange er dicht unter den Augen in der Hand ist. Er muß ganz neu sich selbst erleben lernen und im Verhältnis zum Herrn eingestellt werden. Gehorsamsübungen können nicht oft genug (aber ohne Strafen) gemacht werden; rasch und prompt hat „Setz dich, leg dich, apport, Platz, herein, am Fuß” zu erfolgen. Dazu viel Arbeit, Sprungübungen, Kunststücke, Verlorensuchen, Apportieren aus Wasser, Gewöhnen an Schuß ohne Hetzarbeit, das Leben im Hause streng regelmäßig, nie allein ohne Aufsicht auf die Straße. Eine große Summe von gütigen Mühen; ehe man sich dieser unterzieht, wäge man, ob diese der betreffende Hund nach Rassenschönheit und Anlagen, die das Auge und der Gesichtsausdruck verrät, wert ist. Nach Charakter ist der verdorbene Hund ursprünglich oft mehr wert als der, an dem nicht leicht etwas zu verderben ist.