Indem er, an den Thürpfosten des Nebenzimmers gelehnt, dem wirbelnden Tanze zuschaute, der im Saale auf und nieder flog, richtete er plötzlich das Haupt zur Seite – es war ihm gewesen –
Auf einem Stuhle, dicht an die Wand gerückt, saß ein junges Mädchen. Sie nahm nicht teil am Tanze, offenbar, weil sie nicht aufgefordert worden war, ein Mauerblümchen, wie man zu sagen pflegt.
Wenn man sie ansah, begriff man das einigermaßen; sie hatte etwas Unscheinbares; sie war nicht besonders hübsch und, wie es schien, arm. Ein schmaler Silberreif um den Hals, das war der ganze Schmuck des jungen Körpers; ihr dürftiges weißes Tüllkleidchen stach von den Gewandungen ihrer reicheren, glücklicheren Altersgenossinnen ab.
Indem der Baron den Kopf nach ihr umwandte, bemerkte er, daß sie ihn schon längere Zeit von der Seite betrachtet hatte. Er sah zwei runde, nicht besonders schöne, aber unendlich gutmütige Augen, die stumm beobachtend, aber ohne Neugier auf ihm ruhten. Jetzt, da er zu ihr hinblickte, senkte sie die Augen, und er gewann Zeit, sie von seiner Seite zu betrachten.
Sie war in Verlegenheit etwas errötet; um den kleinen Mund, der sich ein wenig nach vorn zuspitzte, war ein unmerkliches Zittern; dadurch erhielt das ganze Gesichtchen etwas Trauriges, beinahe, als wenn es mit verhaltenem Weinen kämpfte.
Er war also nicht der einzige Einsame heute abend; da war noch eine, und er sah es ihr an, sie fühlte sich unglücklich. Solch ein junges Mädchen, das zum Balle eingeladen, nicht zum Tanze aufgefordert wird und in der Ecke sitzen bleibt, leidet ja in Wirklichkeit ganz bitterlich; alle Qualen der Zurücksetzung lasten auf der armen jungen Seele.
Jetzt schrak die einsame Kleine leise auf, die Röte auf ihren Wangen wich einer tiefen Blässe, ihre Hände, die einen mageren Fächer im Schoße hielten, preßten sich zusammen – der Baron Eberhard von Fahrenwald hatte sich neben sie gesetzt. Sie hatte natürlich, wie alle andern, von dem »verrückten Baron« erzählen gehört, und nun saß er plötzlich neben ihr, nicht durch Zufall, sondern weil er sie aufgesucht hatte. Es wurde ihr unheimlich zu Mute.
Vorhin, als sie den blassen einsamen Mann, dem man das Unglück am Gesicht ansah, an der Thür hatte lehnen sehen, war ihr Herz ganz von tiefem Mitleid erfüllt gewesen – jetzt fühlte sie eine Angst, die ihr die Nähe des unheimlichen Menschen verursachte.
Eine Zeit lang saßen beide schweigend, dann erhob der Baron das Gesicht.
»Es thut mir so leid,« sagte er, »daß ich nicht tanze, gnädiges Fräulein, sonst würde ich um die Erlaubnis bitten, Sie dort hineinführen zu dürfen.«