Er hatte mit dem Kopfe nach dem Tanzsaale gedeutet; mit unwillkürlichem Staunen wandte sie sich zu ihm um und sah ihm ins Gesicht. War das die Stimme eines »Verrückten«?
Ein so tiefer, milder Wohlklang lag in den einfachen Worten; etwas so Sanftes, so Warmes, so Gütiges kam von ihm zu ihr herüber, daß es ihr war, als hätte eine Hand ihre Hand erfaßt, mit liebem, tröstendem Drucke.
Schweigend blickte sie ihn an und war sich kaum bewußt, daß sie es that. Schweigend hielt er die Blicke in die ihrigen gerichtet; in seinen tiefen geheimnisvollen Augen erwachte etwas, wie eine sehnende Frage, wie ein Hoffen, das sich nicht hervorgetraut, wie ein verstohlenes Leuchten in lichtloser Nacht.
So saßen die beiden, von niemand beachtet, nach niemand fragend, wie zwei Leidensgefährten, die unausgesprochenes Verständnis zu einander führt, und nach einiger Zeit schob er, ohne ein Wort zu sagen, die Hand zu ihr hin, und ohne ein Wort zu erwidern, löste sich ihre kleine Hand vom Fächer, den sie immer noch krampfhaft umspannt hielt, und senkte sich zitternd in seine Hand. Und als sie nun den leidenschaftlichen Griff fühlte, mit dem er ihre Finger zusammenpreßte, erschrak sie; aber als sie dann fühlte, wie er sogleich, indem er ihren Schreck empfand, den Druck mäßigte, faßte sie neues Vertrauen. Welche Aufmerksamkeit sprach aus seiner Bewegung, welche Zartheit; es war, als streichelten seine Finger ihre erschreckte Hand, als spräche seine Hand: »Ich thue dir nichts, fürchte dich nicht.«
Sie kamen dann ins Gespräch, und im Verlaufe desselben erfuhr er Genaueres über die Kleine.
Anna von Glassner hieß sie und war eine Waise. Ihre Eltern hatten ihr so gut wie nichts hinterlassen, und weil sie doch irgendwo bleiben mußte, war sie von einem entfernten Onkel, einem alten pensionierten Major und dessen Frau aufgenommen worden. Bei denen wohnte sie in Breslau, und es war nicht schwer, aus ihren Andeutungen zu entnehmen, daß der Aufenthalt ein ziemlich trübseliger war.
Die alten, kränklichen, kinderlosen Leute besuchten keine Gesellschaften, weil sie sie nicht erwidern konnten; bei Gelegenheiten, wie die heutige eine war, ließen sie das junge Mädchen allein gehen und durch das Dienstmädchen aus der Gesellschaft abholen.
»Wollten Sie mir sagen,« fragte sie nach einiger Zeit den Baron, »welche Zeit es ist? Ich darf nicht zu spät nach Haus kommen.« Der Baron sah nach der Uhr. Sie raffte ihr dünnes Kleidchen zusammen. »Dann muß ich gehen.«
»Mein Onkel und meine Tante schlafen so schlecht,« erwiderte sie, »und haben es nicht gern, wenn ich sie so spät in der Nacht störe.«