»Du meine Gütte – gnä' Fräulen,« sagte sie, »die reine Seide alles, die reine Seide!«

Die weibliche Neugier siegte über Annas Befangenheit; sie zog den Handschuh von der einen Hand und tastete ebenfalls auf den Wagenpolstern herum. Die Köchin hatte recht gehabt. Alles Seide – die Polster, die Wände des Wagens, alles Seide. Lautlos sank sie in ihre Ecke zurück. Was bedeutete das alles und wohin ging das alles?

Sie, das arme, unscheinbare Mädchen, das sich zu Gesellschaften ein paar armselige Fähnchen zusammenstückelte, um nur nicht gar zu erbärmlich gegen den Reichtum der andern abzustechen, plötzlich, wie durch die Hand eines Zauberers, mitten hineinversetzt in Fülle, Glanz und Pracht!

Ihr, an der die Menschen auf der Straße vorübergingen, wie an einem Nichts, die man auf Bällen in der Ecke sitzen ließ, weil es sich nicht der Mühe lohnte, mit ihr zu tanzen oder gar sie zu unterhalten – ihr näherte sich plötzlich ein Mann, einer der reichsten Männer von ganz Schlesien, und bat sie schüchtern, ängstlich und demütig, ihm zu erlauben, daß er seinen Reichtum in ihren Dienst stellen dürfe. Sie schloß die Augen; war das Wirklichkeit, was ihr geschah? Dann aber schrak sie innerlich auf: der Mann war ja ein Wahnsinniger; alle Welt sagte es ja? Und also war es nur die Phantasie seines kranken Hirns, die ihn zu alledem getrieben hatte, was er heute abend gethan? Aber, indem der Schauder sie übermannen wollte, kam ihr die Erinnerung an den Ton seiner Stimme zurück, die zu ihr gesprochen hatte, wie noch keines Menschen Stimme je zuvor. Nein, nein, nein – es war ja doch nicht möglich; es konnte ja nicht sein!

Während Anna unter solchen wechselnden Empfindungen zu ihrer in der fernen Vorstadt gelegenen Wohnung fuhr, wanderte der Baron Eberhard von Fahrenwald, von seinem Diener gefolgt, zu Fuß nach Haus.

Sein Haupt, das für gewöhnlich zur Erde hing, war aufgerichtet, seine ganze Gestalt hatte etwas Aufatmendes, Befreites, ein Glücksgefühl wie heut abend hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht empfunden.

Welche Wonne, daß das Mädchen arm war! Immer wieder vergegenwärtigte er sich den süßen Augenblick, als sie in ihrer Bescheidenheit gezögert hatte, den prächtigen Wagen zu besteigen – und dieser Wagen war der seinige! All die Behaglichkeit, all die weiche Ueppigkeit, die sie jetzt umgab, kam ihr von ihm! Er lachte still glückselig vor sich hin. All sein Denken und Thun war ein beständiges brütendes Grübeln über sich selbst, über seinen Zustand und über das Verhängnis, das auf ihm lastete – zum erstenmal konnte er an etwas andres denken, an einen andern Menschen; und dieser andre Mensch, dieses liebe Wesen konnte glücklich werden durch ihn. Glücklich durch ihn, der sich wie ein zum Unglück Geborener, wie eine Last der Menschheit empfand! Hatte er nicht den dankbar erstaunten Ausdruck in ihrem bescheidenen Gesichtchen gesehen und hatten ihre Augen ihm nicht gesagt, daß er stark genug sei, um Glück auf Menschen ausgehen zu lassen? Ja, ja, ja, es war so, und unwillkürlich, indem er so seinen Gedanken nachhing, reckte er die Arme aus, als wollte er dem Kraftgefühle Ausdruck geben, das ihn durchströmte.

Einige Schritte hinter ihm kam der alte Johann. Den Kopf weit vorgebeugt, kein Auge von seinem Herrn verwendend, ging oder schlich er vielmehr hinter dem Baron einher. In seiner ganzen Haltung war etwas Beobachtendes, Lauerndes. Als er sah, wie der Baron die Arme ausreckte, war er unhörbar mit einem Sprunge ganz dicht hinter ihn herangekommen, das hagere Gesicht zu einer Aufmerksamkeit gespannt, die beinahe feindselig aussah. Seine Hände, die er in den Taschen des Ueberziehers getragen, hatte er hervorgezogen und frei gemacht, so daß es den Anschein bekam, als bereitete er sich darauf vor, sich im nächsten Augenblick auf seinen Herrn zu stürzen, wie der Wärter eines Wahnsinnigen sich auf seinen Schutzbefohlenen stürzt, um ihn von irgend einer schrecklichen That zurückzuhalten. Denn der Mensch da vor ihm war ja ein Kranker, ein Wahnsinniger, Verrückter, das wußte er ja wohl genau genug, er, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, der ihn hatte heranwachsen sehen und um ihn gewesen war zu jeder Zeit und an jedem Orte. Und seit heute abend wußte er ja auch, daß er seine Aufmerksamkeit verdoppeln und vervierfachen mußte. Für den unglücklichen Menschen da vor ihm gab es nur eine Möglichkeit zum Leben, Ruhe, Ruhe und immerdar Ruhe. Das hatte ihm vor Jahren der Arzt gesagt, und wenn es der Arzt nicht gesagt hätte, würde sein Instinkt es ihm verraten haben. Ein Tag mußte sein wie der andre, gleichmäßig, immer, immer gleichmäßig. Und heute abend hatte er mit ansehen müssen, wie dieser Mann anfing, sich zu verlieben!

Verlieben! Wohl etwa gar heiraten?

Er war ganz wütend, er knirschte beinahe mit den Zähnen. So wenig also kannte der unglückselige Mensch seinen Zustand? Na – es war nur gut, daß er da war, der alte Johann; er würde schon acht auf ihn geben, ja, das würde er, ja!