»Und nun, sehen Sie, nun kommt ein Augenblick, da gelingt es dem Manne, einmal für eine Sekunde den Blick über das Ding da im Wasser hinwegzubringen, und da sieht er am Ufer ein menschliches Wesen stehen. Und das menschliche Wesen, sehen Sie, das ist eine Frau, ein junges Mädchen, und er merkt, daß sie ihm zugesehen hat, eine ganze Zeit lang, und sich gewundert hat, was er da treibt. Und mit einemmal kommt ihm der Gedanke: wenn du dahin gelangen könntest, wo die steht, wenn du ihre Hand fassen könntest, daß sie dir hülfe, aus dem Kahn und dem Wasser herauszukommen, dann wärest du mit einemmal das Ding da los, das gräßliche, und brauchtest nicht in den Wassersturz hinunter und wärest gerettet! Und da, sehen Sie, faßt er mit einemmal das Ruder und wendet, und fährt auf die Stelle zu, wo sie steht – und dann, wie sie ihn kommen sieht, faßt sie der Schreck, weil sie denkt, er käme, um ihr ein Leides zu thun, und sie wendet sich, um davonzulaufen – und er sieht das, und schreit ihr nach – bleib doch, ich thue dir nichts! Sei doch barmherzig! Ich komme ja nur, damit du mich rettest! Und da –«
Mit einem Griffe hatte er ihre Hände erfaßt, sein Gesicht war dicht an ihrem Gesichte, so daß sie seinen keuchenden Atem auf ihrer Wange fühlte. Weiter bog er sich vom Stuhle und immer weiter zu ihr hinüber, bis daß er plötzlich auf beiden Knieen vor ihr lag.
»Anna – was thut sie da? Anna – läuft sie dennoch fort? Läuft sie dennoch fort?«
Sein totenbleiches Antlitz war zu ihr erhoben, kalter Schweiß netzte seine Stirn, seine Augen hatten den Blick eines Menschen, der den Spruch über Leben und Tod erwartet, und an ihren Knieen, an die seine Brust sich preßte, fühlte Anna das Herz in seinem Leibe pochen.
Ein namenloses Mitgefühl überschwoll ihr Herz. Ohne zu wissen, was sie that, breitete sie beide Arme um sein Haupt, und indem sie in Thränen ausbrach, drückte sie das Gesicht auf sein Haupt.
»O Sie armer, unglücklicher Mann,« sagte sie schluchzend.
Ein Stöhnen drang aus seiner Brust hervor. »Du gehst nicht? Du läufst nicht davon? Läufst nicht davon?«
»Nein, nein, nein, ich will nicht davonlaufen.«
Jählings fühlte sie sich von zwei gewaltigen Armen umfaßt. Er war aufgesprungen und hatte sie, wie ein Kind, an seine breite Brust gerissen.
»Ach du – mein Leben – meine Seligkeit – mein heiliges Heiligtum – mein Alles!«