Ein Name stand nicht darunter. Der Brief war unterschrieben:

»Ein Wissender.«

Anna hielt das widerwärtige Blatt in den Händen. Was sollte sie thun?

Das beste bei solchen Gelegenheiten ist ja, demjenigen, vor dem man gewarnt wird, den anonymen Wisch ruhig zu zeigen, damit man kein Geheimnis vor ihm behält. Aber das war doch in diesem Falle nicht möglich. Durfte sie den unglücklichen Mann lesen lassen, wie das, wovon er sich an ihrer Seite zu befreien und zu erlösen hoffte, ihm in so roher und gemeiner Weise auf den Kopf zugesagt wurde?

Sie faßte sich kurz, riß den Brief samt dem Umschlage in Fetzen und steckte sie in den Ofen. Die Sache war abgethan.

Eine Stunde später kam der Baron, und nun pries sie ihren Entschluß. Er sah so heiter aus, so klar; man merkte ihm an, wie in Annas Gegenwart der dunkle Schleier sich hob und lüftete, der seine Seele umdüsterte. Hätte sie, deren Nähe ihm die Gesundheit bedeutete, ihn in sein Leiden zurückstoßen sollen, indem sie ihn daran erinnerte? Nimmermehr!

Heut brachte der Baron ihr den Verlobungsring mit, einen goldenen Reif, der einen Brillanten umfaßte. Mit schüchternem Erröten ließ sie sich den Ring an den Finger stecken, und während sie die Hand hin und her drehte, um das Licht in dem geschliffenen Steine aufzufangen, griff der Baron schon wieder in die Rocktasche. Er holte ein Schmuckschächtelchen hervor, das er vor ihren Augen aufspringen ließ. Anna blickte hinein und fuhr zurück. Ein goldenes Armband mit einem prächtigen Amethyst leuchtete ihr entgegen.

»Aber nein!« erklärte sie, »nein, nein, das geht ja nicht, daß du mich so überhäufst! Das kann ich ja nicht annehmen!«

Er sah glücklich lächelnd zu ihr hinüber.

»Aber Anna,« sagte er, »weißt du denn nicht, daß ich mich beschenke, wenn ich dir ein Geschenk mache?«