Diesmal war der Brief unterschrieben »der Warner«. Nun nachdem sie gelesen, stand sie da und bereuete, daß sie gelesen hatte. Es war ihr zu Mute, wie einem Kinde, das man vor giftigen Beeren gewarnt hat und das trotzdem genascht hat. Mochte sie das Geschreibsel auch zerreißen und in den Ofen stecken, vergessen konnte sie ja doch nicht, was darin gestanden hatte. Dazu kam der sonderbare Ton und die Form des Briefes; beides war so aufgeregt. Die drei Ausrufungszeichen am Schluß, und die Unterschrift war mit ganz merkwürdigen Schnörkeln verbrämt und verziert.

Das Ende ihres Ueberlegens war, daß auch dieser Brief in Fetzen ging und in den Ofen wanderte.

Am darauf folgenden Tage aber lauschte sie schon mit aller Spannung, ob heute auch der Briefträger erscheinen würde. Und richtig, als die Stunde schlug, klingelte es, und ein dritter Brief lag in ihren Händen. Heut überlegte sie schon nicht mehr, ob sie lesen sollte, oder nicht, mit einer Art von Heißhunger fiel sie darüber her.

Der unbekannte Verfasser betitelte sich heute »Prüfer von Herz und Nieren«; das, was er verkündete, lautete folgendermaßen:

»Verblendete!! Das gefällt Ihnen wohl, daß der unglückselige Mensch Sie mit Schmuck und Flitter überhäuft? Wollen Sie denn mit Gewalt blind und taub sein? Daran sollten Sie doch merken, daß er ein Wahnsinniger ist!! Ein Wahnsinniger!!!«

Ein unheimlicher Schauder überlief Anna, als sie diese Worte las. Es klang wie eine dumpfe Wut daraus, eine Wut gegen sie und zugleich gegen ihn. Sie versank in Gedanken, und so geschah es, daß der Baron sie überraschte, bevor sie noch Zeit gefunden hatte, den Brief zu vernichten. Sie hatte ihn gerade noch in die Tasche stecken können, als er eintrat, und sie mußte sich beinahe Zwang anthun, um dem Bräutigam unbefangen und heiter entgegenzugehen.

Als er aber jetzt, vergnüglich schmunzelnd wie ein Kind, das jemandem eine rechte Ueberraschung zugedacht hat, eine große Schachtel zum Vorschein brachte, und als sie darin ein prachtvolles Perlenhalsband erblickte, fuhr sie zurück, und diesmal war es nicht Schüchternheit noch Bescheidenheit, was sie zurückfahren ließ, sondern Schreck, wirklicher, wahrhaftiger Schreck.

Die Worte des unbekannten Briefschreibers fielen ihr ein, und die schrecklichen Worte hatten ja recht gehabt; so rasend verschwenden konnte ja nur ein Wahnsinniger!

Mit hängenden Armen stand sie da und starrte, wie geistesabwesend, auf den Schmuck, der ihr vom dunkelblauen Sammet, auf dem er gebettet lag, entgegengleißte.

Der Baron hielt den geöffneten Schrein mit beiden Händen vor sie hin und lachte still in sich hinein. Er ahnte nicht, was in ihr vorging, und sah in ihrer Starrheit nur das hülflose Staunen der Armut, die sich plötzlich vom Reichtum überflutet sieht.