Bald darauf verließ er sie.

Es war, wie der Baron gesagt hatte; zwischen ihm und dem alten Johann hatte es am Morgen dieses Tages einen Auftritt gegeben, einen merkwürdigen, schrecklichen Auftritt.

In sein junges Glück versenkt, hatte der Baron nicht weiter acht auf den Alten gegeben, sonst hätte es ihm auffallen müssen, daß dieser seit dem Tag, als er mit ihm das Haus verlassen hatte, wo Anna von Glassner wohnte, ein seltsames Wesen angenommen hatte.

Jeden Vormittag, wenn der Baron ausging, um sich zu seiner Braut zu begeben, schlich der Alte geräuschlos hinter ihm drein. Dem Juwelierladen gegenüber, in den er seinen Herrn eintreten sah, auf der andern Seite der Straße, stellte er sich auf und wartete, bis der Baron wieder herauskam; und wenn dieser zu Annas Hausthür gelangt war, ahnte er nicht, daß wenige Schritte hinter ihm sein Diener stand und ihn mit Augen verfolgte – mit Augen, die den lauernden Ausdruck eines wilden Tieres hatten. Wenn er alsdann in die Behausung zurückgekehrt war, wo er mit dem Baron wohnte und wo ihm ein geräumiges Zimmer angewiesen war, setzte der Alte sich an den Tisch, der inmitten des Zimmers stand, und dort saß er Stunden und Stunden lang. Er aß nicht, er trank nicht, er rauchte nicht; er war ganz versunken in dumpfes, stumpfes Brüten. Die einzige Thätigkeit, zu der er sich aufraffte, war, daß er sich alsdann erhob, eine große Schreibmappe auf den Tisch legte, Tinte und Feder herbeiholte und nun mit fanatischem Eifer zu schreiben anfing. Was er da schrieb – niemand sah es, denn niemand war dabei; jedesmal, bevor er an seine Schreiberei ging, riegelte er sorgfältig die Thür seines Zimmers ab. Es schienen jedoch Briefe zu sein; denn das Papier, worauf er schrieb, waren Briefbogen, und jedesmal, nachdem er geendigt und das Geschriebene wohl zehnmal mit gerunzelter Stirn und stumm glühenden Augen durchgelesen hatte, steckte er den Bogen in ein Couvert, das er mit einer Adresse und Postmarke versah. Leise schloß er alsdann seine Thür wieder auf, steckte horchend den Kopf hinaus, und wenn er sich überzeugt hatte, daß niemand ihn hörte und sah, schlüpfte er behutsam aus der Wohnung, aus dem Hause, um den Brief in den nächsten Briefkasten zu stecken.

Abends fand der Baron, wenn er nach Haus kam, die Lampen in seinen Gemächern bereits angezündet, alles zu seinem Empfange bereit, und den alten Johann, einmal wie allemal fertig, ihn des Mantels zu entledigen, ihm den Thee zu bereiten und alles zu thun, woran er von jeher gewöhnt war. Was der Baron nicht beachtete, das waren die Blicke, mit denen der Alte ihn lauernd beobachtete, und was er nicht sah, das war, daß der Alte, nachdem er sich zurückgezogen hatte, draußen auf dem Flur stehen blieb, lautlos an die Thür gepreßt, hinter der sein Herr saß, stundenlang horchend, lauschend, ob er nicht da drinnen plötzlich ein verdächtiges Geräusch, irgend etwas vernehmen würde, das ihn nötigte, zuzuspringen und Hand anzulegen. Denn er wußte ja doch, daß da drinnen ein Wahnsinniger saß und daß es sein Beruf und seine Pflicht war, den Wahnsinnigen zu bewachen.

An dem Vormittag dieses Tages nun, als der Baron gefrühstückt und darauf dem Diener geklingelt hatte, damit er ihm beim Anziehen behilflich sei, hatte dieser sich, im Bewußtsein seiner Pflicht, ein Herz gefaßt und beschlossen, mit seinem Herrn einmal ein Wort zu reden.

Es kam ihm nicht leicht an, denn er war ein echter Schlesier, und daher steckte ihm ein knechtischer Respekt vor seinem Gebieter in Fleisch und Bein. Aber es mußte sein, es mußte.

Den Pelz seines Herrn in den Händen, trat er in das Zimmer ein; als der Baron aber in den Mantel fahren wollte, ließ der Diener ihn sinken.

»Gnädiger Herr wollen mir eine unterthänige Frage erlauben – gehen gnädiger Herr wieder zu dem Fräulein?«

Der Baron sah sich überrascht um; ein Lachen zuckte über sein Gesicht.