Und, war es denn etwa so ganz unberechtigt? War nicht in ihm selbst etwas gewesen, das ihn mit Schauder erfüllte, wenn er daran zurückdachte? Immer wieder hörte er eine fürchterliche Stimme, die das Zimmer durchtönte, und das war seine Stimme; der Mensch, der so gebrüllt hatte, war er selbst gewesen. Immer wieder empfand er den Krampf, der plötzlich in seinem Rückenmark losgebrochen war, seine Glieder durchschüttelt, seinen Arm erhoben und seine Fäuste geballt hatte. Es ließ ihn gar nicht los; immer und immer wieder mußte er sich bis ins einzelne vergegenwärtigen, wie das gekommen, wie ihm dabei zu Mute gewesen war. Wie wenn etwas von außen über ihn herfiele, so war es gewesen, wie wenn ihn etwas anspränge, sich seiner bemächtigte, eine fremde, furchtbare Gewalt, beinahe wie ein wildes Tier, das jählings in ihn eingedrungen war und aus ihm hervortobte. Dazu diese plötzliche, unbegreifliche Kraft, die er in den Armen gefühlt hatte. Wenn er jetzt den schweren gepolsterten Sessel anschaute, begriff er gar nicht, wie es ihm möglich gewesen war, ihn wie eine Keule emporzuschwingen. Und in dem Augenblick war es doch so gewesen, und in dem Augenblick war ihm das mächtige Ding so federleicht erschienen. Unwillkürlich schloß er die Augen. Hatte er nicht gehört und gelesen, daß Menschen in der Tollwut eiserne Stangen zerbrechen? Was war das gewesen, was ihm die Muskeln so schrecklich gestählt hatte? Brütend saß er in seinem Zimmer und wagte sich nicht Antwort auf das zu geben, was in ihm fragte.

So also stand es mit ihm? Und wie viel hatte gefehlt, so hätte er seinen alten Johann niedergeschlagen und totgeschlagen. – Freilich, der Alte hatte ihn gereizt; aber wußte er denn nicht, wie er an ihm hing, treu wie ein Hund? Und er hätte ihn beinahe umgebracht!

Und wie hatte der Alte von Anna gesagt? »Wenn ein Fräulein kommt und den gnädigen Herrn heiraten will, weil sie reich werden möchte –«

Hier aber sprang er auf. Das war falsch und gelogen, das wußte er, so weit war er noch vernünftig. Das waren die Gedanken, wie sie in einer Knechtsseele sich zusammenkleistern! Er wußte ja doch, daß er zu ihr gekommen war, nicht sie zu ihm. Mit den Armen griff er in die Luft. Daß sie nur da gewesen wäre in diesem Augenblick, daß er sie an sich hätte pressen können! Denn mächtiger und bestimmter als je zuvor empfand er in diesem Augenblick, daß es nur ein Ziel und eine Rettung für ihn gab, und das war sie, an die er dachte, nach der er verlangte, Anna, Anna, Anna!

Wie eine Todesangst erfaßte ihn der Gedanke, daß sie ihm doch noch entgehen könnte, und mit krampfhafter Ungeduld sah er dem Tage entgegen, da sie Hochzeit machen würden, da sie ihm ganz gehören, immer und allerorts bei ihm und mit ihm sein würde.

Das nächste, was er darum zu thun beschloß, war, daß er seine Braut zu seinem Schlosse hinausführte. Sie sollte den Ort kennen lernen, wo sie mit ihm zusammen sein würde, die künftige Heimat.

Man befand sich zu Anfang April; der Winter war überstanden, aber noch nicht überwunden, er kämpfte noch mit dem nahenden Frühling. Trotzdem wollte der Baron nicht länger warten. Es mußte etwas geschehen, wodurch Anna körperlich mit dem neuen Dasein verknüpft würde, und sie selbst hatte Lust dazu. Auch in ihr war ein Bedürfnis, die Umgebung des künftigen Lebens kennen zu lernen; daneben regte sich die Neugier, das schlesische Paradies endlich einmal mit Augen zu sehen.

So wurde der Besuch denn für einen der nächsten Tage beschlossen.

Mit seinem alten Diener hatte der Baron seit jenem verhängnisvollen Vormittage kein Wort mehr gesprochen; schweigend waren sie umeinander hergegangen; es war wie ein Waffenstillstand zwischen ihnen.

Als er damals seine Wohnung verließ, um zu Anna zu gehen, hatte Eberhard von Fahrenwald ernsthaft erwogen, ob er den Alten nicht fortschicken sollte. Es war das erste Mal, daß ihm der Gedanke kam.