Was blieb ihr anders übrig, als es zu versprechen? Aber während sie es that, fühlte sie beklommenen Herzens, daß es nicht immer leicht sein mochte, nichts weiter als »Sonne« zu sein und immerdar zu leuchten.
Indem sie dem Schlosse näher kamen, lichtete sich der Park, das Baumdickicht blieb hinter ihnen und der Weg führte an Rasenflächen und Blumenbeeten vorüber.
Anna riß sich vom Arme des Bräutigams los und schlug in die Hände.
»O herrlich!« rief sie, »hier beginnt mein Reich!«
Sie lief einige Schritte voraus und achtete nicht darauf, daß ihre Füße in dem aufgeweichten Boden beinahe bis an die Knöchel einsanken. Zwischen den kahlen Blumenbeeten ging sie auf und ab.
»O Eberhard,« rief sie, »Eberhard, wie sieht das hier aus! Da bekomme ich Arbeit! Da bekomme ich Arbeit!«
Der Baron war hinter ihr stehen geblieben.
»Geh nicht zu weit,« warnte er scherzend, »du ertrinkst mir am Ende noch, bevor du an deine Arbeit kommst.«
Jauchzend flog sie zu ihm zurück. Blumen gab es also auch hier in dem verwunschenen Hause, und da wo Blumen sind, ist ja auch Licht! Im Augenblick aber, da sie ihm in die Arme fallen wollte, blieb sie jählings stehen. Jetzt erst bemerkte sie, was sie vorhin nicht gesehen hatte, daß sie unmittelbar vor dem Schloß standen.
Auf einem Unterbau von mächtigen Granitquadern, der nur von wenigen, engen, vergitterten Fenstern durchbrochen war, erhoben sich zwei Stockwerke, deren jedes zwölf Fenster zeigte. Himmelhoch sah es von hier unten aus, die Mauern ganz grau, beinahe schwärzlich, wie angeblakt vom schweren Atem der Jahrhunderte; wie ein Gebirge lag es da, und obschon keine Sonne am Himmel stand, war es, als wenn es einen schweren Schatten über die Menschen würfe, die schweigend zu ihm aufblickten.