Anna wußte kaum, wie ihr zu Mute war, als sie in diese wuchtige, von Jahrhunderten gesammelte und aufgespeicherte Pracht hineinschritt; die Erinnerung an den Abend kam ihr zurück, als sie zum erstenmal in seinem Wagen nach Hause gefahren war.

Der Mann an ihrer Seite aber preßte ihren Arm und ließ ihr keine Zeit zum Besinnen.

»Hast du gehört,« fragte er, indem er sie die Stufen hinaufzog, »wie die alte Treppe geknackt hat? Das ist eine gute Vorbedeutung; sie hat die neue Herrin erkannt und sie begrüßt.«

Stumm drückte sie ihm die Hand. Sie hätte so gerne etwas Fröhliches erwidert, aber das fremdartige Neue, das sie umgab, lastete auf ihrer Brust.

Es war ein altertümlich gebautes und verbautes Haus mit lichtlosen Räumen. Die Treppe mündete in einen Flur, der keine Fenster hatte, sondern nur durch eine hoch oben im Dache angebrachte Glasscheibe so viel Helligkeit empfing, daß man die Gegenstände ringsumher erkennen konnte. Eine schmalere Treppe leitete vom ersten zum zweiten Stockwerke hinauf; der Haupttreppe gegenüber öffnete sich ein Gang, an dessen rechter, nach dem Hofe gelegener Seite sich eine Reihe kleiner, winklig ineinander geschobener Gemächer befand; die eigentlichen Wohn- und Staatszimmer lagen vom Eintretenden links, durch eine Glasthür vom Flure getrennt.

Als der Baron mit Anna die Treppe bis zum ersten Stock hinaufgestiegen war, öffnete sich die Glasthür und es erschien eine Gestalt, die Anna, in dem Dämmer, der sie umgab, kaum zu erkennen vermochte. Es war der alte Johann, der lautlos daran ging, seinem Herrn und dessen Begleiterin die Mäntel abzunehmen.

Hinter der Glasthür war noch ein Vorraum, und hier herrschte eine so völlige Dunkelheit, daß Anna nur tappend weiter zu schreiten vermochte. Plötzlich aber brach Licht herein. Der Baron hatte eine Thür geöffnet, die Anna nicht gesehen hatte; an der Hand zog er sie über die Schwelle, und mit einem unwillkürlichen »Ah« – des Staunens und der Bewunderung stand sie mitten im Zimmer.

Der Raum, der sie umgab, war ein großer, viereckiger Saal, dessen Decke in gotischen Spitzbogen gewölbt war und dessen Wände von großen, vom Fußboden bis an die Decke reichenden Bücherschränken eingenommen wurden. Die Schränke waren durch dicke, rotbraune Holzsäulen voneinander getrennt, die kunstvoll, in Gestalt von Palmbaumstämmen ausgeschnitzt waren. In den Schränken drängte sich eine Masse von Büchern; vom Knaufe der Decke, in dem die Spitzbogen des Gewölbes zusammenliefen, hing ein schwerer, altertümlicher Kronleuchter herab und unter dem Kronleuchter, inmitten des Raumes, stand ein Frühstückstisch für zwei Menschen zugerichtet.

Der Baron trat an den Tisch.

»Du mußt hungrig geworden sein,« sagte er, »wollen wir gleich frühstücken?«