Anna aber stand in Staunen befangen und erstarrt.

»Nachher,« erwiderte sie auf die Einladung des Barons, »erst muß ich mir das alles ansehen. Das ist ja zu merkwürdig!«

Sie ging von Schrank zu Schrank, sie befühlte mit den Händen die geschnitzten Säulen und sah erst jetzt, welche Fülle erfinderischer Kunst dahineingelegt war. An den Palmen kletterten, in Holz geschnitzt, Affen, Leoparden und andre fremdartige Tiere auf; in den Wipfeln, die sich unter der Deckenwölbung ausbreiteten, sah man Papageien und andre Vögel sich wiegen.

»Wie wundervoll,« sprach sie staunend vor sich hin, »wie wundervoll.«

Der Baron verfolgte schweigend ihr Umherwandern.

»Das ist Holzschnitzerei aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts,« erklärte er.

Aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts – Anna blieb stehen und sah zu ihm hinüber. Das war ja ein königliches Besitztum – und in dem sollte sie gebieten? Sie, das dürftige Gewächschen des neunzehnten Jahrhunderts?

Sie trat vor den Kamin, in dem ein Feuer von mächtigen Holzscheiten prasselte; dann ging sie an die Fenster und bemerkte, daß sie auf den Park hinausgingen und daß sie sich hier am Ende der Schloßfront befand. Zu ihrer Rechten war die Thür geöffnet, durch die man in die anstoßenden Gemächer blickte. Die Thüren all dieser Zimmer standen offen, so daß sich der Blick in einer schier endlosen Flucht von Räumen verlor, aus denen ein unbestimmtes Leuchten und Glänzen zu ihr drang. Sie ahnte, daß in allen diesen Gemächern eine gleiche Pracht wie in diesem ersten herrschen mochte. Stärker als Hunger und Durst war die Neugier.

»O Eberhard,« sagte sie leise, indem sie die Hände zusammenlegte, »thu mir's zuliebe, zeig mir das alles erst. Frühstücken können wir ja nachher.«

Er war bereit, und an seiner Seite ging sie nun über den spiegelglatten Parkettboden in das nächste Zimmer und von da weiter.