Anna schob langsam die Hände an seinen Armen hinauf, bis daß sie auf seinen Schultern ruhten. Da stand er vor ihr, der Besitzer all dieser Pracht und Herrlichkeit, der gegenüber sie sich wie eine Bettlerin erschien, da stand er, der starke Mann, in dessen Armen sie wie Glas zersplittert wäre, wenn seine Kraft sich gegen sie gewandt hätte – und bat sie, demütig wie ein Knabe, ihr all seinen Reichtum zu Füßen legen zu dürfen, und wie ein Schuldbewußter wagte er nicht, sie zu küssen. Und worin bestand denn seine Schuld? Ein unaussprechliches Mitleid quoll ihr im Herzen empor, die Thränen drängten sich ihr in die Augen. Aber sie wollte ihn keine Thränen sehen lassen, sie zwang sich zum Lächeln, und so, weil ihr trotz allem Widerstand die Augen dennoch übergingen, hob sie sich auf den Fußspitzen empor, und unter Thränen und Lächeln suchte sie mit ihrem Munde seinen Mund. Aufatmend, wie nach tiefer überstandener Qual, beugte er sich zu ihr herab, und der Kuß, in dem sie sich zusammenfanden, war wie ein gegenseitiges Versprechen, daß sie nun ein neues Leben begründen wollten in dem alten, ausgestorbenen Hause.

Raschen Schrittes kehrten sie darauf zu dem Saale zurück, wo das Frühstück angerichtet stand. Die warmen Speisen waren inzwischen kalt geworden, aber das störte die Laune nicht. Auch war neben den warmen Gerichten kalter Braten in genügender Fülle da, um sich daran satt zu essen. Während der alte Johann die Teller wechselte, schenkte der Baron ihr Wein ein, und sie trank ein tüchtiges Glas. Sie war nun ganz heiter, ganz ihrem Berufe als »Sonne« treu, und der Baron, ihre »Erde«, leuchtete in ihrem Lichte auf.

Das einzige, was sie einigermaßen hätte stören können, war der Anblick des alten Dieners, der schweigend aufwartete und, während sie aßen und tranken, hinter dem Stuhle seines Herrn stand.

Unwillkürlich gingen ihre Blicke von Zeit zu Zeit zu ihm hin, und immer sah sie ihn dann in einer ganz seltsamen Haltung, regungslos, den Kopf wie in brütendem Sinnen zu Boden gesenkt, an seinem Platze stehen.

Offenbar dachte er immer noch darüber nach, wie furchtbar und eigentlich grundlos der Baron ihn vorhin angefahren hatte. Das that ihr so leid um den alten Mann. Sie fühlte das Bedürfnis, ihm irgend eine kleine Freundlichkeit zu erweisen. Zwischen Herrn und Diener war offenbar eine Spannung; es wäre ihr so lieb gewesen, wenn sie das Verhältnis zu einem guten hätte machen können; Menschen, die so einsam leben, wie sie drei nun bald leben würden, müssen sich doch verstehen, dürfen nicht mit feindseligen Gedanken umeinander hergehen.

»Aber wissen Sie, Johann,« fing sie möglichst unbefangenen Tones an, indem sie den Kopf zu ihm erhob, »ich muß Ihnen wirklich mein Kompliment machen, wie das Schloß im Stande gehalten ist. Da ist ja kein Stäubchen und kein Fleckchen, und das Feuer in den Kaminen –« Sie brach im Satze ab.

Der Alte, als er seinen Namen von ihrem Munde hörte, hatte langsam, wie aus einem Traume zurückkommend, den Kopf erhoben und die Augen auf sie gerichtet, und als sie seine Augen sah, konnte sie nicht weiter.

Was für Augen waren das! Stierend, bohrend, als wollten sie sich durch ihre Augen hindurch bis in das Mark ihres Lebens hineinwühlen. Dabei that sich, wie sie es vorhin schon an ihm wahrgenommen hatte, sein Mund halb auf, so daß die langen Zähne sichtbar wurden, der Kopf schob sich nach vorn, und das ganze Gesicht nahm einen Ausdruck an – ja, was war es nur für ein Ausdruck? Anna begriff ihn zuerst gar nicht, dann kam ihr das Bewußtsein: das war ja Haß! Wütender Haß! Sie hing wie gebannt an diesem Gesicht. – Was hatte sie ihm gethan? War er so erbittert über sie, weil sie ahnungslos die Ursache gewesen war, daß sein Herr so heftig gegen ihn wurde?

Der Baron, der nervös aufgezuckt war, als sie sich an den Alten wandte, hatte ihr plötzliches Verstummen bemerkt. Jetzt sah er ihr totenblasses Gesicht und ihre verstörten Augen.

»Ist dir etwas?« fragte er.