Das gab ihm das Leben wieder. Freudig drückte er ihre Hand.

»Ja, ja, morgen komm' ich, und dann holen wir uns das neue Leben in das alte Haus!«

Als Anna zu dem Onkel und der Tante zurückkam, saßen die beiden alten Leute und spielten »Rabouge«, ein Kartenspiel ältester Art, das heutzutage kaum jemand mehr kennt. Das war ihre Beschäftigung, einen Abend wie alle Abende. Von dem jungen Mädchen, das mit leisem »guten Abend« zu ihnen eintrat, nahmen sie so gut wie keine Notiz. Man konnte zweifeln, ob sie überhaupt wußten, daß sie den Tag über fortgewesen war.

Anna war daran gewöhnt. Ohne weiter zu sprechen, setzte sie sich in einiger Entfernung von den Spielenden nieder, so daß die Lampe, die auf dem runden Tisch stand, gerade noch genug Licht für ihre Handarbeit abgab, dann häkelte sie still vor sich hin und dachte nach.

Welch ein Kontrast! Heut am Tage das Fahrenwaldsche Schloß, und jetzt hier diese Behausung! Daß die Wohnung ärmlich war, hatte sie wohl immer gewußt – wie erbärmlich sie war, fühlte sie heut abend zum erstenmal ganz. Als sie nach Haus gekommen war, hatte sie das Behagen empfunden, daß sie wieder in Sicherheit sei – jetzt, da sie in Sicherheit saß, fühlte sie, daß diese gleichbedeutend mit Oede und Langeweile war.

Hier diese dumpfen, stumpfen alten Menschen, die vom Leben nichts mehr wissen wollten, die kein Wort, kaum einen Blick für sie übrig hatten – und dort drüben der Mann, der nur ein Verlangen hatte, aus Nacht und Grauen ins helle gesunde Leben zu gelangen, der nach ihrer Persönlichkeit lechzte, wie der Verschmachtende nach dem Wasser!

Als sie heute mittag auf Schloß Fahrenwald beim Frühstück gesessen und das Todesgrauen empfunden hatte, mit dem all das Unverständliche, Unbegreifliche über sie herfiel, war der Gedanke in ihr aufgestanden, daß es ihr unmöglich sein würde, dort in Zukunft zu leben, daß sie das Verhältnis mit Eberhard von Fahrenwald abbrechen müsse – jetzt verblaßten die Schrecken und das Schöne blieb.

Sie dachte an den Park zurück, den herrlichen, walddunkeln, waldtiefen Park, und vergegenwärtigte sich, wie schön es sein würde, wenn er im Frühling, Sommer und Herbst ihr zu Häupten rauschte. An die Räume des Schlosses dachte sie, die schweigenden, feierlichen Gemächer, an die Bilder der Männer und Frauen, mit den edlen leidvollen Gesichtern. War es ihr nicht, indem sie an sie dachte, als wenn sie die Lippen aufthäten und sprächen: »Fürchte dich nicht vor uns – wir sind nur unglücklich, nicht böse.« War es nicht, als zeigten sie mit den stummen dunklen Augen auf ihn, den Letzten ihres Stammes, und als sprächen sie: »Hilf ihm – nur du kannst ihm helfen – und auch er ist nicht böse.«

Ach – ob sie es wußte, daß er nicht böse war!

Als sie am späteren Abende ihr Schlafkämmerchen aufgesucht hatte, lag sie knieend vor ihrem dürftigen Bett, die gefalteten Hände in die Kissen gestützt, bitterlich weinend.