Ganze Ballen von Seidenstoffen und Leinen liefen nun bei Anna ein; vierzehn Tage lang wurde geschneidert und geschustert, als gälte es, den Brautstaat einer jungen Königin fertigzustellen; der Onkel und die Tante gingen mit dumpf verblüfften Gesichtern umher und wußten nicht, was sie sagen sollten. Anna wußte es selber kaum; die Welt war nicht mehr die Welt.
Der Baron ließ sich in diesen Tagen nur von Zeit zu Zeit sehen, und wenn er kam, war er in fliegender Hast. Er war jetzt vielfach auf dem Schlosse draußen, wo die Zimmer für Anna eingerichtet wurden. So oft er bei ihr in der Stadt erschien, wurde er rasch wieder hinauskomplimentiert – Frauen, die in solcher Thätigkeit stecken, können Männer nicht brauchen. Gegen Ende der vierzehn Tage aber, als sie ihn auf den Flur hinausbegleitete, hielt sie ihn an der Hand fest.
»Heute abend,« sagte sie leise, mit lieblichem Erröten, »wird das crèmefarbige Seidenkleid fertig, das du so besonders gern magst. Es hat einen sehr hübschen Schnitt und wird mir vielleicht leidlich stehen.« Sie beugte sich näher zu ihm.
»Wenn du willst, kannst du morgen mittag kommen, und ich will mich dir zeigen.«
Er schloß sie an die Brust, als wollte er sie erdrücken.
»Du Engel,« erwiderte er.
Ein Glutstrom floß aus seinen Augen. Dann riß er sich los, eilte die Treppe hinab, kehrte vom Absatz noch einmal zurück, schloß sie noch einmal wie rasend in die Arme und schoß dann zum Hause hinaus.
Anna begriff kaum, was ihn so erregt hatte; aber die Glut, die ihn erfüllte, setzte auch sie in Feuer, und als das Kleid am Abend angekommen war, beschloß sie, sich am nächsten Vormittage recht schön für ihn herauszuputzen.
Es war das erste Mal im Leben, daß sie sich in so kostbare Stoffe hüllte. Sie schloß sich in ihr Schlafkämmerchen ein und kleidete sich von Kopf bis zu Füßen um, weil es sie nun doch gelüstete, die neuangeschafften Sachen wirklich einmal zu probieren.
Wie das alles anders war als das, was sie bisher getragen hatte! Wie grob das Hemd war, das sie auszog, und wie weich sich das neue zarte Linnen um ihren Leib schmiegte! Und die seidenen Strümpfe, in die ihre Füßchen, nachdem sie die alten baumwollenen abgestreift hatte, beinahe schüchtern hineinschlüpften, als wagten sie gar nicht zu glauben, daß sie wirklich da hinein gehörten! Sie saß ganz schamrot auf ihrem Stuhl und kicherte vor sich hin, wie ein Kind, das etwas Unerlaubtes thut und jeden Augenblick gewärtig ist, daß es ertappt und ausgescholten werden wird. In den Spiegel zu sehen, hatte sie noch kaum gewagt, auch befand sich in ihrem Schlafzimmer nur ein kleiner Handspiegel, der ihr nicht sagen konnte, ob das Kleid ihr saß. Dazu mußte sie in das Gesellschaftszimmer gehen, wo zwischen den Fenstern ein größerer Wandspiegel angebracht war.