Als sie nun hier, die Bänder an ihrer Taille zurechtzupfend, vor dem Spiegel, mit dem Rücken gegen die Thür stand, wurde diese von außen aufgerissen und auf der Schwelle erschien der Baron. Sie sah, wie er stehen blieb und ihre Gestalt mit den Augen verschlang; in seinem Blick war eine verzehrende Gier. Anna sah wirklich niedlich genug aus. Das Kleid war tief ausgeschnitten, am oberen Rande und an den Aermel-Oeffnungen mit einem Spitzenbesatze eingefaßt, und aus den zarten Spitzen quollen die runden, weichen Schultern, die nackten Arme in jugendlicher Fülle hervor.
Sie wollte ihn bedeuten, daß er sich noch einen Augenblick gedulden müsse, aber bevor sie dazu gekommen war, stand er schon hinter ihr, und gleichzeitig fühlte sie sich von seinen Armen umfaßt, vom Boden emporgehoben und mit einer Gewalt, wie von einem Orkane, an seine Brust gerissen. Ihre Schultern, ihr Nacken und ihr Hals loderten unter seinen Küssen.
»Du zerdrückst mir ja das ganze Kleid,« wandte sie ein. Der Ueberfall war ihr zu jäh gekommen; sie sträubte sich in seinen Armen, aber er hörte nicht auf ihre Worte, achtete nicht auf ihre sträubenden Bewegungen; in der Art, wie er mit ihr umging, war etwas Gewaltsames. Seine Liebkosungen hatten etwas Erstickendes, Erdrückendes, Zermalmendes; seine Küsse fühlten sich an, als wenn er am liebsten in Annas Fleisch hineingebissen hätte.
Den einen Arm hatte er unter sie geschoben, so daß sie halb darauf saß, mit dem andern drückte er ihren Oberleib an seine Brust, ihr Gesicht an sein Gesicht, und so, indem er sie in seinen riesenstarken Armen wie ein Kind, wie eine Puppe, ein Spielzeug drückte, preßte und trug, ging er mit ihr im Zimmer auf und ab, dumpf abgerissene Laute von sich gebend, wie trunken, beinah wie sinnlos.
Er merkte gar nicht, wie peinvoll dem jungen Mädchen die Lage wurde, in der sie sich befand, wie keuchend ihre Brust sich hob und senkte, weil sie, an ihn gepreßt, kaum noch Luft zum Atmen fand. Endlich warf sie mit äußerster Anstrengung den Kopf zurück, stemmte beide Hände gegen seine Brust und »laß mich los!« stieß sie wie in Verzweiflung hervor.
Der Ton kam so rauh, so zornig heraus, daß er erschrak. Er hielt in seinem Auf- und Niedergehen inne, sah ihr ins Gesicht und sah, daß sie die Augen geschlossen hatte.
Nun ließ er sie aus den Armen gleiten; sie warf sich in den Lehnstuhl, der ihr zunächst stand, drehte sich mit ganzem Leibe von ihm ab, legte beide Arme auf die Lehne des Sessels, das Gesicht auf die Arme, und brach in schluchzendes Weinen aus.
Der Baron stand totenblaß vor ihr. »Anna,« stammelte er, »was ist dir?«
Sie gab keine Antwort und weinte immer heftiger.
Mitten im Zimmer lag einer von ihren kleinen seidenen Schuhen, der ihr vorhin, als er sie vom Boden emporgehoben hatte, vom Fuße geflogen war. In seiner Ratlosigkeit hob der Baron ihn auf, als er sich aber zu Anna niederbeugte, um ihr den Schuh wieder anzuziehen, riß sie denselben aus seiner Hand und verbarg ihren Fuß unter dem Kleide.