»Bleib ruhig,« flüsterte Anna.

Sie fühlte, wie die verzehrende Glut wieder in ihm aufstieg.

Ein wundersames Gemisch von Grauen und Lust schwoll ihr zum Herzen, indem sie schweigend auf ihn hinabsah, auf den riesenstarken Mann, der sich gebrochen zu ihren Füßen wand.

Kein Weib hatte er noch berührt – sie war die erste, und sie war die Brandfackel, die ihn verzehrte.

Vernunft und Gewissen sagten ihr, daß sie aufstehen, ihn wecken mußte aus seiner Phantasie – aber stärker als Vernunft und Gewissen war in diesem Augenblicke das Weib, das mit heimlicher, beinahe lüsterner Neugier zu erfahren begehrte, was für einen Eindruck sie auf den Mann zu machen vermocht hatte.

Sollte sie immer nur Arzt sein? Immer nur Wärterin? War sie nicht auch ein Weib? Mit jungem, blühendem Fleisch und Blut? Stand nicht auch sie zum erstenmal vor der dunklen, geheimnisvollen Flut, in die alle Geschöpfe der Erde hinein müssen, sei es zum Leben, sei es zum Ertrinken, die man die Liebe nennt? War nicht die warme Welle des großen Wassers auch zu ihr schon herangerollt und hatte ihr den Saum des Kleides und die nackten Füße genetzt, leise winkend und rufend: »Komm herab – steig herab!«

Von der Stirn herab, über Wangen und Hals und bis tief in die Brust, die schwer atmend aus der seidenen Umhüllung des Kleides hervorstrebte, senkte sich purpurne Glut, als sie sich über den Mann zu ihren Füßen herbeugte, die Lippen an sein Ohr andrückend.

»Sag mir,« hauchte sie, »was du gefühlt hast, als du mich sahst?«

Er beugte sich zurück, so daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. Warum fragte sie? Als er jedoch ihr glutübergossenes Gesicht gewahrte, merkte er, daß der Dämon auch in ihrem Blute zu wühlen begann. Rasch war er vom Boden empor, auf seinem Stuhle, und nun saßen sie, wie zwei Schuldgenossen, die sich gegenseitig ein Geheimnis anvertrauen.

»Siehst du,« hob er leise an, indem er mit dem Kopfe nach dem Fenster deutete, »es ist doch heut ein grauer Tag, und nun denk dir, wie merkwürdig: im Augenblick, als ich die Thür aufmachte und dich stehen sah – aber du mußt nicht denken, daß ich übertreibe oder in Bildern rede – war mir's, als wäre hier im Zimmer heller Sonnenschein. Richtiger Sonnenschein, siehst du, war es eigentlich nicht, sondern es war wie eine Feuersbrunst, wie wenn das Licht, das im Zimmer war, von Flammen herrührte. Und mitten in den Flammen standest du drin. Aber es war, als wenn sie dir nicht weh thäten, denn es sah mir in dem Augenblick so aus, als ob du mich ansähest und die Arme nach mir ausstrecktest und riefest: Komm herein.«